Pseudowut-Alarm in MV: Frau verliert zwei Hunde - Experten warnen vor unterschätzter Gefahr
Pseudowut in MV: Frau verliert zwei Hunde - Experten warnen (27.02.2026)

Pseudowut-Alarm in Mecklenburg-Vorpommern: Frau verliert zwei geliebte Jagdhunde

Die sogenannte Aujeszky-Krankheit, im Volksmund als Pseudowut bekannt, sorgt derzeit für erhebliche Besorgnis in Mecklenburg-Vorpommern. Nicht nur Jäger, sondern auch Waldspaziergänger und Tierhalter in Waldnähe sind alarmiert. Diese gefährliche Viruserkrankung betrifft primär Wild- und Hausschweine, stellt jedoch insbesondere für Jagdhunde und frei laufende Hunde im Wald eine tödliche Bedrohung dar. Der Krankheitsverlauf ist für die Tiere äußerst qualvoll und endet stets tödlich.

Lebenslange Infektion bei Schweinen

Veterinär Dr. Olav Henschel vom Landkreis Ludwigslust-Parchim, der den Fachdienst Veterinär- und Lebensmittelüberwachung leitet, erläutert die Hintergründe: „Die Aujeszky-Krankheit wird durch ein Herpesvirus verursacht, das im Schwarzwildbestand weit verbreitet ist. Ähnlich wie beim Humanherpesvirus schlummert der Erreger häufig und das Tier bleibt lebenslang infiziert.“ In Mecklenburg-Vorpommern schätzen Experten, dass etwa 10 bis 20 Prozent des Wildschweinbestandes das Virus in sich tragen.

Wildschweine übertragen das Virus oft unbemerkt. Hunde können sich bereits durch das Trinken aus einer Pfütze oder den Kontakt mit Schleimhäuten infizierter Tiere anstecken. Unter Stressbedingungen wie während der Rausche, bei Bejagung oder Futtermangel wird das Virus aktiv und infektiös. „Bei Schweinen bleiben die Symptome meist dezent, bei Wildschweinen sind sie oft gar nicht erkennbar“, erklärt Henschel. Ganz anders verhält es sich bei Hunden und anderen Haustieren.

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Tragischer Doppelverlust binnen weniger Tage

Die aktuelle Brisanz der Pseudowut verdeutlicht ein jüngster, tragischer Fall: Anja Blank, Geschäftsführerin des Landesjagdverbands Mecklenburg-Vorpommern, verlor innerhalb kürzester Zeit gleich zwei ihrer Jagdhunde an der tückischen Krankheit. „Bei meiner Hündin Finte begann es mit leichtem Kopfkratzen“, berichtet die verzweifelte Tierhalterin. „Über Nacht verschlimmerte sich der Zustand dramatisch – sie kratzte sich das Gesicht blutig. Der Verlauf war brutal schnell: Kaum 24 Stunden später war sie tot.“

Ihr zweiter Hund Dorn zeigte kurz darauf völlig andere Symptome: „Er begann plötzlich zu erbrechen, bekam Durchfall und litt unter massiven Schmerzen.“ Die behandelnden Tierärztinnen diagnostizierten zwar eine Schilddrüsenentzündung, „aber es war bereits zu spät. Wir mussten ihn einschläfern lassen – das war der schlimmste Hundetod, den ich je erleben musste“, so Blank unter Tränen.

Übertragungswege und verheerende Symptome

Das Virus wird hauptsächlich durch Kontakt mit infizierten Wildschweinen oder deren Überresten übertragen – etwa durch Speichel, Augensekrete oder Blut. Henschel warnt eindringlich: „Hunde infizieren sich, wenn sie solche Sekrete aufnehmen.“ Bereits beim Waldspaziergang mit freilaufendem Hund oder in der Jagdpraxis genügt es, wenn der Hund aus Suhlen trinkt, Kot, Sekrete, Innereien oder Blut aufnimmt.

„Das Hauptsymptom bei Hunden ist entsetzlicher Juckreiz“, beschreibt der Veterinär das Krankheitsbild. „Dieser ist so unerträglich, dass sich die Tiere das Fell buchstäblich von den Knochen kratzen. Letztlich sterben sie jedoch nicht am Juckreiz, sondern an zentralnervösen Störungen und Muskel-Lähmungen.“ Grundsätzlich können sich fast alle Tiere mit dem Virus infizieren, für Menschen besteht jedoch keine Gefahr.

Experten warnen vor hoher Dunkelziffer

Henschel berichtet, dass im Kreis Ludwigslust-Parchim seit Herbst innerhalb kurzer Zeit mehrere Fälle infizierter Hunde aufgetreten seien. Landesweit sind in Mecklenburg-Vorpommern, Stand Februar 2026, offiziell lediglich fünf Fälle der Aujeszky-Krankheit dokumentiert. Die tatsächliche Zahl liegt nach Einschätzung des Experten jedoch deutlich höher. „Es werden keine Hunderte Hunde daran sterben“, relativiert er, „aber dass es nur fünf Fälle in MV geben soll, bezweifle ich stark.“

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Infolge von Anja Blanks tragischem Verlust haben mehrere Tierkliniken, der Landesjagdverband und das Friedrich-Loeffler-Institut Warnungen für Jäger und Waldspaziergänger mit Hunden ausgesprochen. „Wir müssen uns bewusst sein“, appelliert Henschel an die allgemeine Vorsicht, „dass sich das Risiko nicht geändert hat, nur weil jetzt Fälle bei Hunden bemerkt wurden. Die Viruslast ist generell gegeben und erfordert kontinuierliche Aufmerksamkeit.“

Jedes fünfte Wildschwein infiziert

„In MV erfolgt derzeit keine routinemäßige Untersuchung von Schwarzwild“, informiert Dr. Leonore Lange, Fachdienstleiterin Veterinärwesen des Landkreises Vorpommern-Rügen. „Im Landkreis wurden vereinzelt Fälle beim Schwarzwild festgestellt“, berichtet sie, allerdings meist nur dann, „wenn entsprechende Blutproben in anderen Bundesländern wie Niedersachsen untersucht worden sind.“

Henschel präsentiert aktuelle Zahlen: „Seit November haben wir 398 Proben untersucht – 71 davon waren positiv. Das entspricht 17,8 Prozent.“ Ob ein landesweites Monitoring wirklich zielführend ist, bleibt unter Experten umstritten. Die bloße Feststellung, dass die Krankheit im Schwarzwildbestand existiert, löse nicht das Problem der Ansteckungsgefahr, so der Tenor aus dem Umfeld des Landesjagdbeirats MV. „Für den betroffenen Hund, der sich infiziert hat, ist es eigentlich egal, wie die Verteilung ist“, gibt auch Henschel zu bedenken. Die Behörden prüfen derzeit Optionen, um die Verbreitung der Krankheit zu überwachen und langfristig zu minimieren.

Impfstoff-Dilemma und fehlende Lösungen

Für Hausschweine existiert zwar ein Impfstoff, dessen Anwendung in Deutschland jedoch verboten ist. Der Grund: Deutschland gilt seit 2003 offiziell als Aujeszky-frei. Impfungen könnten diesen Status verändern und den internationalen Handel mit Schweinefleisch beeinträchtigen.

Einen Impfstoff für Hunde und andere Haustiere gibt es bislang nicht, wie Dr. Kirsten Thorstensen, Tierärztin bei der Boehringer Ingelheim Vetmedica GmbH, mitteilt. „Die Pseudowut ist nicht auf Menschen übertragbar“, betont Thorstensen, „und eine Ansteckung ist höchst selten.“ Hinzu komme, dass „Hunde in bisherigen Studien nicht zuverlässig Antikörper entwickelt haben. Das Risiko wäre also trotz Impfung nicht gebannt.“ Daher habe die Entwicklung eines Impfstoffes aktuell keine Priorität.

Anja Blank hofft auf intensivierte Forschungen: „Es ist ein globales Problem, wie wir aus Berichten aus Frankreich und anderen Bundesländern wissen. Ein Impfstoff könnte unsere Arbeit als Jäger sicherer machen, und wir wären auch bereit, dafür zu zahlen.“

„Ein völliger Schutz vor der Krankheit wird nicht möglich sein“, ist Henschel überzeugt. Jäger und Hundehalter können aktuell nur präventiv handeln. Die Botschaft der Experten ist eindeutig: Hundehalter, insbesondere im jagdlichen Bereich, sollten wachsam bleiben und die Handlungsempfehlungen der Verbände beachten; Spaziergänger müssen ihre Tiere im Wald anleinen. Das Risiko einer Infektion mit der Pseudowut darf keinesfalls unterschätzt werden.