Rattenkönig: Gruseliges Naturphänomen zwischen Mythos und wissenschaftlicher Realität
Ein mysteriöses Knäuel aus Fell, spitzen Zähnen und ineinander verworrenen Schwänzen – in dessen Mitte tobt ein grausamer Überlebenskampf. Der sogenannte Rattenkönig zählt zu den seltsamsten und zugleich faszinierendsten Phänomenen der Natur. Was über Jahrhunderte hinweg als reines Schauermärchen galt, erweist sich heute als wissenschaftlich belegte Realität. Dieses skurrile Ereignis beschäftigt bis in die Gegenwart hinein sowohl Forscher als auch Historiker gleichermaßen intensiv.
Wie entsteht ein Rattenkönig wirklich?
Entgegen weit verbreiteter Annahmen handelt es sich beim Rattenkönig keineswegs um einen Mythos. Vielmehr besteht er aus mehreren Ratten, deren Schwänze sich auf unauflösliche Weise miteinander verheddert haben. In den allermeisten Fällen sind es junge Hausratten, wissenschaftlich als Rattus rattus bezeichnet, die von diesem Phänomen betroffen sind. Ihre Schwänze sind in jungen Jahren besonders lang und beweglich. Leben die Tiere dicht gedrängt in Nestern oder unterirdischen Bauten, können sich die Schwänze leicht verknoten, da Ratten über eine Art Greifreflex im Schwanz verfügen. Bewegen sich die Tiere anschließend, zieht sich das entstandene Knäuel so fest zusammen, dass eine Trennung unmöglich wird. Die frühere Vorstellung, dass sich Ratten absichtlich verknoten, gilt in der modernen Wissenschaft als überholt.
Warum heißt es eigentlich „Rattenkönig“?
Die eigenartige Bezeichnung stammt ursprünglich aus dem deutschen Sprachraum. Sie basiert vermutlich auf der historischen Vorstellung, dass in jeder Gruppe ein König herrscht – so auch bei den Ratten. In alten Zeichnungen und Illustrationen thront dieser König auf einem makabren Thron aus Rattenschwänzen, geschmückt mit Krone und Zepter. Interessanterweise war „Rattenkönig“ in früheren Zeiten auch ein gebräuchliches Schimpfwort für besonders große oder gierige Menschen. Erst später wurde der Begriff ausschließlich für das reale Naturphänomen verwendet.
Ein böses Omen aus dem Mittelalter
Im finsteren Mittelalter galt der Fund eines Rattenkönigs als unheilvolles Zeichen für Krankheit, Tod und vor allem für die gefürchtete Pest. Diese Annahme war nicht ganz unbegründet, denn eine hohe Rattendichte deutete oft auf mangelnde Hygiene und schlechte Lebensbedingungen hin. In der Literatur wurde der Rattenkönig zum monströsen Wesen stilisiert – als mehrköpfig, unheimlich und geradezu dämonisch. So beschreibt ihn beispielsweise Julius Wolff im berühmten Werk „Der Rattenfänger von Hameln“ als übernatürliches Wesen, das von seinen untergebenen Artgenossen getragen wird. Seit dem 20. Jahrhundert sind solche Funde jedoch äußerst selten geworden. Gründe dafür sind:
- Verbesserte hygienische Standards
- Die deutliche Abnahme der Hausrattenpopulation
- Konkurrenz durch die Wanderratte, deren kürzerer Schwanz sich kaum verknotet
Kann ein Rattenkönig tatsächlich überleben?
Tatsächlich existieren wissenschaftlich belegte Fälle, in denen ein Rattenkönig lebend aufgefunden wurde. Einzelne Tiere zeigten sogar Spuren von Versorgung durch andere Ratten. Obwohl sie sich kaum fortbewegen konnten, gelang es ihnen offenbar, von herumliegenden Futterresten oder herabrieselnden Körnern zu überleben. Auf lange Sicht ist dieser Überlebenskampf jedoch meist verloren. Die Tiere werden zu leichter Beute, sterben an Hunger, Infektionen oder schweren Verletzungen. Manche wurden mumifiziert in engen Gebäudestrukturen entdeckt – konserviert durch Trockenheit und das Ausbleiben natürlicher Verwesung.
Der größte Rattenkönig der Welt
Der berühmteste und zugleich größte Rattenkönig wurde im Jahr 1828 im thüringischen Buchheim bei Altenburg in einem Kamin entdeckt. Er bestand aus 32 toten, mumifizierten und untrennbar verknoteten Ratten. Dieses einzigartige Präparat kann bis heute im Naturkundemuseum „Mauritianum“ in Altenburg besichtigt werden. Weltweit sind etwa 50 bis 60 solcher Funde dokumentiert, wobei fast alle aus Mitteleuropa stammen – insbesondere aus Deutschland, Frankreich, dem Baltikum und Dänemark.
Nicht nur Ratten sind betroffen
Das bizarre Phänomen betrifft nicht ausschließlich Ratten. Ein ähnliches Schicksal ereilt manchmal auch junge Eichhörnchen. Deren Schwänze verknoten sich zwar nicht, können jedoch durch Harz, Müll oder Nistmaterial verkleben. In Nordamerika und Kanada wurden bereits mehrere solcher „Eichhörnchenkönige“ meist lebend entdeckt. Tierhelfer trennten die verklebten Tiere voneinander und retteten ihnen auf diese Weise das Leben. Dies zeigt, dass der Rattenkönig kein isoliertes Phänomen bleibt, sondern verschiedene Tierarten unter bestimmten Bedingungen betreffen kann.



