Die kroatische Schriftstellerin und Journalistin Slavenka Drakulić ist am vergangenen Samstag in ihrer Geburtsstadt Rijeka im Alter von 77 Jahren gestorben. Sie hinterlässt ein Werk, das sich durch tiefes Mitgefühl und unerschrockene Wahrheitssuche auszeichnete – als Feministin, Kriegsberichterstatterin und Romanautorin.
Vom Feminismus zur Kriegsberichterstattung
Drakulić wurde in den 1980er Jahren mit ihrem Buch „Die Todsünden des Feminismus“ bekannt, das sie als prominente feministische Stimme in Kroatien etablierte. Doch ihr Engagement für Frauenrechte und ihre Kritik am autoritären Regierungsstil des damaligen kroatischen Präsidenten Franjo Tuđman brachten ihr den Vorwurf des Landesverrats ein. Im Februar 1992, als die Jugoslawienkriege bereits ein Jahr tobten, schrieb sie im amerikanischen „Time Magazine“ einen Artikel, in dem sie ihre Ablehnung ausdrückte, auf ihre nationale Zugehörigkeit reduziert zu werden. Sie betonte stets die historischen Untaten der Kroaten an den Serben und weigerte sich, in nationalistischen Kategorien zu denken.
Die Auseinandersetzung mit den Jugoslawienkriegen
Diese Erfahrung war der Beginn ihrer intensiven Beschäftigung mit den Jugoslawienkriegen. Ihr 2004 veröffentlichtes Buch „Keiner war dabei. Kriegsverbrechen auf dem Balkan vor Gericht“ gilt als Höhepunkt dieser Auseinandersetzung. Fast ein halbes Jahr lang verfolgte sie die Prozesse vor dem Internationalen Kriegsverbrechertribunal in Den Haag. Sie beobachtete nicht nur die Verhöre, sondern auch den Alltag der Angeklagten, um zu verstehen, wie aus unauffälligen jungen Männern und guten Nachbarn Mörder und Todfeinde wurden. Ihr ging es um Schuld und Verantwortung, und sie musste erkennen, dass sie es kaum mit fanatischen, aus Überzeugung tötenden Nationalisten zu tun hatte.
Über den Massenmörder Borislav Herak, der 1993 in Sarajevo vor Gericht stand, schrieb sie: „Meine größte Enttäuschung war, dass er wie jeder andere aussah, wie ein Nachbar, Verwandter oder Freund. Fast verzweifelt suchte ich nach Zeichen von Wahnsinn in seinen Augen oder sonstigen Merkmalen, dass er das Monster war, das ich in ihm sehen wollte.“ Trotzdem sah sie in ihm das Böse, das sie als Abwesenheit von Mitgefühl definierte: „Das Böse ist die Abwesenheit von Mitgefühl.“
Preis der Europäischen Verständigung
2005 erhielt Drakulić für dieses Buch den Preis der Europäischen Verständigung der Leipziger Buchmesse. In ihrer Dankesrede stellte sie fest, dass in Bezug auf Schuld und Verantwortung „die Wahrheit noch nicht festgestellt wurde, und wenn sie festgestellt worden wäre, würde sie niemand hören wollen“. Sie fügte hinzu: „Es zeigt sich, dass es auch zehn Jahre nach Ende des Krieges noch zu früh ist, für ein solches Unterfangen.“ Diese Einsicht prägte ihr weiteres Schaffen.
In einem Interview mit dem serbischen Magazin „Vreme“ äußerte sie sich zu den anhaltenden politischen Krisen in der Region, die auch durch den Präsidenten der Republika Srpska, Milorad Dodik, verursacht werden: „Wir sollten nicht vergessen, dass wir in diesen Bereichen wenig aus der Geschichte lernen und daher alles möglich ist.“
Romane und persönliche Themen
Nach ihrer intensiven Beschäftigung mit den Kriegen wandte sich Drakulić wieder anderen Themen zu. Sie schrieb Romane über Frida Kahlo („Frida“) und über Pablo Picasso und seine Geliebte Dora Maar („Dora und der Minotaurus“). Zudem thematisierte sie ihre eigene Nierenkrankheit, die sie zur Dialyse zwang und mehrere Nierentransplantationen erforderte, in dem Buch „Leben spenden. Was Menschen bewegt, Gutes zu tun.“
Zuletzt erschien von ihr der Erzählungsband „Worüber reden wir nicht?“, der Geschichten über unsichtbare Verluste, ungelebte Lieben, Nähe, Einsamkeit und die Sterblichkeit des Menschen enthält. Slavenka Drakulić starb am vergangenen Samstag in Rijeka. Sie wurde 77 Jahre alt.



