Haus am Waldsee: 80 Jahre Geschichte in der Ausstellung „Wo ich wohne“
Haus am Waldsee: 80 Jahre Geschichte in „Wo ich wohne“

Das Haus am Waldsee in Berlin-Zehlendorf wird 80 Jahre alt und feiert dies mit einer besonderen Gruppenausstellung. Unter dem Titel „Wo ich wohne“ öffnet das Ausstellungshaus seine Pforten und konfrontiert die Besucher mit der eigenen Vergangenheit. Der großbürgerliche Grundriss des Hauses wird dabei sichtbar: Herrenzimmer, Damenzimmer, Frühstückszimmer, Esszimmer, Billardsalon, Ankleidezimmer und Wintergarten. Drei Jahre lang lebte die Erbauerfamilie Knobloch, Textilindustrielle, in diesem Anwesen, bevor sie Konkurs anmelden musste und nach Charlottenburg zog. Heute erinnern nur noch der Grundriss und der englische Landschaftsgarten an sie. Noch weniger präsent ist der letzte Bewohner, der Vizepräsident der Reichsfilmkammer, der 1945 floh und später als Mitläufer entnazifiziert wurde.

Eine Ausstellung, die Geschichte aufbricht

Die Kuratorinnen Anna Gritz und Pia-Marie Remmers haben eine dichte Ausstellung zusammengestellt, die die Vergangenheit des Hauses und seine Rolle in der Geschichte thematisiert. Der Titel „Wo ich wohne“ ist einer Erzählung von Ilse Aichinger entlehnt, in der eine Wohnung auf mysteriöse Weise immer tiefer in den Keller sinkt. Die Ich-Erzählerin fügt sich apathisch ihrem Schicksal, niemand fragt nach. Im Haus am Waldsee ist der Keller zwar nicht zugänglich, doch die Kunstwerke regen zum Nachfragen an. Der Künstler Richard Venlet hat mobile Stellwände aus rohem MDF und Plexiglas installiert, die an bürgerliche Paneele erinnern, aber von Kabelbindern zusammengehalten werden. Ein knisterndes Feuer und Reproduktionen von Oskar Schlemmer erzeugen eine trügerische Behaglichkeit. Schlemmer durfte in der NS-Zeit nicht ausstellen, das Feuer entpuppt sich als Video von Patrick Jolley und Reynold Reynolds, das Aichingers Erzählung aggressiv übersetzt. Hier brennt eine Wohnung, die Insassen wohnen einfach weiter – die Zuschauer werden zu passiven Mittätern.

Kunst als Zeugnis der Nachkriegszeit

Im ehemaligen Herrenzimmer liegt graues, amtliches Linoleum aus. Auf zwei runden Couchtischen arrangiert Atiéna R. Kilfa zwei Stillleben, die an den Alltag der Nachkriegszeit erinnern, aber mit futuristischem Design der 1970er-Jahre in eine Flucht in den Weltraum münden. Im Wintergarten hängt ein Glasbild von Hannah Höch, die im Dritten Reich nicht ausstellen durfte und sich nach Heiligensee zurückzog. Nach dem Krieg zeigte sie ihre dort entstandenen Werke im Haus am Waldsee. Der Damensalon zeigt Fotos von Robert Haas, einem jüdischen Fotografen, der in Wien nach der Besetzung durch Nazi-Deutschland die Interieurs von Wohnungen fotografierte, bevor sie verlassen werden mussten – eine gespenstische Dokumentation.

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Verborgene Geschichten und persönliche Mahnmale

Im Esszimmer stehen barock-orientalisch anmutende Majolikavasen der deutsch-persischen Künstlerin Nigin Beck, die Gespenster einfangen sollen, etwa der repressiven Erziehung, angedeutet durch Dekorationen, die an den Struwwelpeter erinnern. Dahinter, in einer geschützten Koje, verbergen sich traumhaft-fantastische Zeichnungen einer unbekannten Frau von Zinnowitz, die in einer Zehlendorfer Nervenheilanstalt lebte. Die Kuratorinnen reihen Anknüpfungspunkt an Anknüpfungspunkt, eine Verdichtung, die das Haus zu sprengen scheint. Eine alte Wandnische im ersten Stock beherbergt Tierfiguren von Renée Sintenis, so wie sie 1958 hier ausgestellt waren. Mit Zeichnungen und einer Dia-Show wird an Henry Körner erinnert, einen Wiener Juden, der ab 1946 für die amerikanische Militärregierung arbeitete und auf Berlins Straßen Kinder beim Spielen skizzierte. Zu seiner Schau im Haus am Waldsee 1947 gab es einen Fragebogen, der subtil Kriegstraumata berührte.

Ein Blick in die Zukunft

Im Nebenraum, dem ehemaligen Schlafzimmer des Sohnes, blenden grelle Scheinwerfer eines Opel Olympia, der dem Großvater des spanischen Künstlers Ian Waelder 1938 zur Flucht nach Chile verhalf. Im letzten Raum, dem leer geräumten Büro der Direktorin und ehemaligen Tochterzimmer, hat jemand eine blaue Tasse vergessen – ein beiläufiges Mahnmal von Rhea Dillon gegen den Rassismus. Die Ausstellung „Wo ich wohne“ ist noch bis zum 27. September im Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30, in Zehlendorf zu sehen. Geöffnet ist Dienstag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr.

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