Eine neue Studie des Historikers Michael Wolffsohn bewertet die NS-Vergangenheit des Stardirigenten Herbert von Karajan differenzierter. Im Auftrag des Eliette und Herbert von Karajan Institut in Salzburg untersuchte der renommierte deutsche Historiker die Rolle des einstigen NSDAP-Mitglieds. Karajan sei kein aktiver Mitläufer gewesen, so Wolffsohn.
Der Dirigent habe an eine Autonomie der Kunst gegenüber der Politik geglaubt, erklärte der Forscher. In seiner am 16. Februar erscheinenden Studie kommt Wolffsohn zum Schluss, dass Karajan kein „Gesinnungsnazi“ war, sondern sich aus Opportunismus der Partei anschloss. Er trat 1935 in die NSDAP ein – eine Voraussetzung für seinen Posten als Generalmusikdirektor in Aachen.
„Karajan war definitiv kein Antisemit“, betont Wolffsohn. Dies zeige sich an seinen engen Beziehungen zu jüdischen Freunden und Musikern nach 1945. Die wenigen antisemitischen Äußerungen des jungen Karajan bewertet der jüdische Historiker als „Feld-, Wald- und Wiesen-Sprüche“. Karajans Karriere sei während der NS-Zeit bergab gegangen, unter anderem weil er bei Hitler in Ungnade fiel.
Wolffsohn räumt ein, dass Karajan ein musikalisches Genie war, aber nicht automatisch ein ethisches Vorbild. Der Dirigent habe sich jedoch bis zu seinem Lebensende mit seiner NS-Vergangenheit auseinandergesetzt.



