Vom 24. Juli bis zum 26. August 2026 wird Bayreuth erneut zum Nabel der klassischen Musikwelt. Die Richard-Wagner-Festspiele feiern in diesem Jahr ihr 150. Jubiläum und locken Opernliebhaber aus aller Welt in die oberfränkische Stadt. Für Wagner-Neulinge und erfahrene Festspielgänger hat BILD ein unterhaltsames ABC zusammengestellt, das von A wie Anfänger bis Z wie Zukunftsmusik reicht.
Von A bis L: Die Grundlagen der Festspiele
A wie Anfänger: Niemand wird als Wagnerianer geboren. Manche werden es nie – und sitzen trotzdem jedes Jahr in Bayreuth. Der Einstieg lohnt sich, auch wenn die Opern lang und komplex sind.
B wie Bayreuth: Nicht einfach eine Stadt, sondern eine Glaubensfrage mit Bahnhof. Hier stehen die berühmten Festspiele, hier pilgern Opernfans hin wie andere nach Lourdes. Die Stadt ist während des Festspielzeitraums fest in Wagner-Hand.
C wie Cosima: Wagners zweite Frau, Tochter von Franz Liszt, später Chefin der Festspiele. Ohne Cosima wäre Bayreuth nach Wagners Tod wohl nicht zum Wagner-Vatikan geworden. Sie prägte das Erbe des Komponisten nachhaltig.
D wie Drache: Bei Wagner gibt es nicht nur Liebeskummer, sondern auch Monster. In „Siegfried“ kämpft der Held gegen den Drachen Fafner. Fantasy, bevor Fantasy cool war – Wagner war ein Pionier des fantastischen Genres.
E wie Erlösung: Wagners Lieblingswort, gefühlt in jeder zweiten Oper. Erlöst wird durch Liebe, Tod, Mitleid, Feuer – oder alles zusammen. Das Motiv zieht sich durch sein gesamtes Werk.
F wie Festspielhaus: Wagners eigenes Opernhaus in Bayreuth. Schlicht von außen, magisch von innen. Das Orchester ist versteckt, der Klang kommt wie aus dem Nebel. Die Akustik gilt als weltweit einzigartig.
G wie Gesamtkunstwerk: Wagners große Idee: Musik, Text, Bühne, Licht, Kostüm – alles soll eins werden. Heute würde man sagen: Er wollte das komplette Paket. Dieser Ansatz revolutionierte die Opernbühne.
H wie Holländer: „Der fliegende Holländer“ ist ein guter Einstieg. Kürzer als andere Wagner-Abende, viel Meer, viel Fluch, viel Drama. Quasi „Traumschiff“ mit Verdammnis – ideal für Neueinsteiger.
I wie Isolde: Heldin aus „Tristan und Isolde“. Liebt den falschen Mann, singt sich in Ekstase und stirbt so schön, dass danach sogar Husten im Publikum wie Gotteslästerung klingt. Die Rolle ist eine der anspruchsvollsten im Sopranfach.
J wie Jubel und Buh: Bayreuth kann beides. Nach der Premiere wird nicht nur geklatscht, sondern gerichtet. Bravo oder Buh – Hauptsache, es ist laut und überzeugt. Das Publikum ist bekannt für seine leidenschaftlichen Reaktionen.
K wie König Ludwig II.: Der Märchenkönig war Wagners wichtigster Fan und Geldgeber. Ohne Ludwigs Unterstützung hätte Wagner womöglich weiter Schulden gemacht – aber kein Festspielhaus gebaut. Der König finanzierte Wagners Vision.
L wie Leitmotiv: Die musikalische Visitenkarte. Eine Figur, ein Gefühl, ein Schwert, ein Fluch – alles bekommt bei Wagner seine eigene Erkennungsmelodie. Wie ein Klingelton fürs Schicksal. Diese Technik beeinflusste die Filmmusik nachhaltig.
Von M bis Z: Vertiefung und Kuriositäten
M wie Meistersinger: „Die Meistersinger von Nürnberg“ ist Wagners große deutsche Komödie. Wobei „Komödie“ bei Wagner heißt: sehr viel Gesang, sehr viel Handwerk, sehr wenig Schenkelklopfen. Das Werk dauert rund fünf Stunden.
N wie Nibelungen: Der Stoff für den „Ring“. Götter, Zwerge, Helden, Riesen, Rheintöchter, Gold und Gier. Im Kern: Alle wollen Macht – und machen alles kaputt. Kommt einem bekannt vor. Der „Ring“ umfasst vier Opern mit insgesamt etwa 15 Stunden Musik.
O wie Orchestergraben: In Bayreuth ist das Orchester unsichtbar. Wagner ließ es versenken, damit niemand abgelenkt wird. Ergebnis: Die Sänger stehen vorne, die Musik kommt aus der Tiefe. Sehr effektvoll. Sehr Wagner.
P wie Problemfall: Wagner war Genie – und ein schwieriger Mensch. Sein Antisemitismus gehört zur Wahrheit dazu. Wer Wagner liebt, sollte nicht wegschauen, sondern genauer hinschauen. Die Festspiele setzen sich heute kritisch mit diesem Erbe auseinander.
Q wie Querulant: Wagner stritt mit fast allen: Geldgebern, Kollegen, Kritikern, Ehefrauen, Dirigenten, der Welt. Wäre er heute auf Twitter, das Internet wäre längst abgebrannt. Sein streitbarer Charakter ist legendär.
R wie Ring: „Der Ring des Nibelungen“ ist Wagners Mega-Werk: vier Opern, rund 15 Stunden Musik, ein Weltenbrand. Für Anfänger: Nicht mit leerem Magen und engen Schuhen versuchen. Die Aufführung erfordert Ausdauer.
S wie Siegfried: Wagners strahlender Held. Stark, furchtlos, nicht übermäßig reflektiert. Er schmiedet ein Schwert, erschlägt einen Drachen und versteht Frauen ungefähr so gut wie ein Amboss. In diesem Jahr ist Klaus Florian Vogt (56) als Siegfried zu sehen.
T wie Tristan: „Tristan und Isolde“ ist die Oper über Liebe als Ausnahmezustand. Wer danach noch behauptet, Wagner sei nur laut, hat nicht zugehört. Die Musik gilt als bahnbrechend für die moderne Harmonik.
U wie unendliche Melodie: Bei Wagner gibt es oft keine hübsche Nummer, die einfach endet. Die Musik fließt weiter und weiter. Wie ein Strom. Oder wie ein Verwandter, der am Telefon kein Ende findet. Dieser Stil prägt seine Opern.
V wie Vorspiel: Das Vorspiel ist bei Wagner nie bloß Vorgeplänkel. Es sagt oft schon alles: Liebe, Tod, Fluch, Erlösung. Man sitzt noch gerade – und ist schon mitten im Drama. Das Vorspiel zu „Tristan und Isolde“ ist weltberühmt.
W wie Walkürenritt: Das Stück, das auch Wagner-Muffel kennen. „Hojotoho!“ – und schon reiten die Walküren los. Militärisch, wild, unverwüstlich. Der Heavy Metal des 19. Jahrhunderts. Es ist eines der bekanntesten Orchesterstücke der Musikgeschichte.
X wie XXL: Wagner ist Oper in Übergröße. Große Gefühle, große Orchester, große Pausen, große Meinungen. Selbst die Sitzdauer hat Heldenformat. Die Bestuhlung im Festspielhaus ist legendär unbequem, und eine Klimaanlage gibt es nicht. Kollabierende Besucher sind keine Seltenheit.
Y wie Yoga: Hilft. Wer Wagner übersteht, braucht Atmung, Haltung und innere Ruhe. Besonders in Bayreuth, wenn es warm ist und der Nachbar sein Bonbonpapier entdeckt. Entspannungstechniken sind für viele Besucher ein Geheimtipp.
Z wie Zukunftsmusik: So nannte man spöttisch Wagners neue Kunst. Heute ist klar: Der Mann hat die Oper verändert. Ob man ihn liebt oder meidet – vorbeikommt man an ihm nicht. Sein Einfluss auf die Musikgeschichte ist unbestritten.
Merksatz für Anfänger: Bei Wagner geht es selten nur um Liebe. Es geht um alles: Macht, Geld, Gott, Tod, Familie, Schuld, Erlösung – und darum, rechtzeitig vor Beginn noch einmal auf die Toilette zu gehen.



