Sibel Kekilli bricht ihr Schweigen
Die preisgekrönte Schauspielerin Sibel Kekilli (46) hat lange geschwiegen. Nun spricht sie erstmals offen über die Gewalt, die sie in ihrer Familie erlebt hat, und darüber, wie tief diese Erfahrungen bis heute in ihr Leben hineinwirken. Im Gespräch mit dem Chefredakteur der ZEIT, Giovanni di Lorenzo (67), beschreibt Kekilli eine Kindheit, die von Angst geprägt war. Schon als kleines Mädchen habe die Schauspielerin („Game of Thrones“, „Tatort“) Gewalt miterlebt. Auf die Frage, ob sie zu Hause Gewalt erlebt habe, antwortet sie: „Ja. Ich hatte immer Angst um mein Leben. Es gab psychische Gewalt und physische Gewalt.“ Über Jahre sei das Teil der Erziehung gewesen.
Die Täter im Schatten
Wer genau Kekilli Gewalt angetan hat, benennt sie im Gespräch nur vorsichtig. Die ZEIT fragt, ob sie Lehrern gesagt habe, „dass Ihr Vater Ihnen wehtut“ – später sagt Kekilli über ein Vermittlungsgespräch, sie habe den Eindruck gehabt, ihr Vater sehe „keine Verantwortung oder Schuld bei sich“. Zum ersten Mal spricht Kekilli in dieser Offenheit über die Gewalt in ihrer eigenen Familie. Zwar engagiert sie sich seit vielen Jahren gegen Gewalt an Frauen, doch bislang sollte dabei nicht ihre persönliche Geschichte im Mittelpunkt stehen.
Die Last der Scham
Als Kind habe sie sich kaum getraut, Hilfe zu suchen. Wenn sie doch etwas sagte, sei ihr oft nicht geglaubt worden. „Opfer zu sein, hat was Beschämendes, es ist eine Schande, weil man als schwach abgestempelt wird.“ Besonders drastisch benennt sie, was ihr angetan wurde: „Sadistische Gewalt, würde man sagen, Gift. In mich wurde viel Gift geschüttet.“
Angst vor Verschleppung
Mit achtzehn hatte Kekilli einen deutschen Freund – zunächst heimlich. Als sie es ihren Eltern erzählte, sei die Kontrolle noch stärker geworden. Sie schrieb ihnen schließlich, dass sie sich nicht mehr nach Hause traue. Damals hatte sie noch keinen deutschen Pass, ihr türkischer Pass sei zu Hause versteckt gewesen. Kekilli hatte Angst, in die Türkei verschleppt zu werden. Erst später wurde der deutsche Pass für sie zu einem Symbol: „Das war meine Sicherheit. Ich wusste, ich kann nicht mehr verschleppt werden.“
Der schwierige Weg in die Freiheit
Der Weg aus dem Elternhaus war für sie kein einfacher Schritt in die Freiheit. Kekilli beschreibt, dass psychische Gewalt Menschen innerlich gefangen hält. „Du bist im Kopf gefangen, du bist nicht frei!“ Als sie schließlich auszog, fühlte sie sich von der Freiheit auch überfordert. Nach Jahren, in denen andere über sie bestimmt hatten, musste sie erst lernen, eigene Entscheidungen zu treffen.
Distanz zur Familie
Heute hat Sibel Kekilli Abstand zu ihrer Familie. „Ich nehme überwiegend aus der Ferne Anteil. Das ist für mich gesünder“, sagt sie. Frieden mit der Vergangenheit hat sie nicht vollständig geschlossen. Aber sie hat sich eine Identität erkämpft – gegen Angst, Scham und gegen Schweigen. Privat hat Kekilli ihr Glück gefunden: Sie heiratete dieses Jahr ihren Ehemann Andreas Dauerer (47).



