Nach der Unterzeichnung des amerikanisch-iranischen Rahmenabkommens Mitte Juni keimte Hoffnung auf, dass die Weltwirtschaft wieder auf Trab kommt. Eine verlängerte Waffenruhe, die Wiederöffnung der für den Ölhandel wichtigen Straße von Hormus sowie die Aussicht auf ein Friedensabkommen binnen 60 Tagen sorgten für Optimismus. Doch die gegenseitigen Attacken zwischen den USA und Iran haben die Märkte erneut verunsichert. Hält die Absichtserklärung zwischen Washington und Teheran – oder platzt sie? Drei Szenarien, wie sich die Lage an der Meerenge auf Preise und Wachstum in Deutschland auswirken kann.
Szenario 1: Das Rahmenabkommen hält – und die USA und Iran einigen sich binnen 60 Tagen
Auch bei einem Schönwetterszenario im Falle der Beilegung des Iran-Konflikts: Der Schaden für die deutsche Wirtschaft ist bereits da. Die Wirtschaftsweisen rechnen in ihrem Frühjahrsgutachten nur noch mit einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 0,5 Prozent für das laufende Jahr. Für 2027 prognostizieren sie ein Plus von 0,8 Prozent. Sollte das Rahmenabkommen halten und die Straße von Hormus zügig wieder geöffnet werden, sieht das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln vor allem für das kommende Jahr einen Silberstreif am Horizont.
Sinkt der Ölpreis der gängigen Sorte Brent ab dem dritten Quartal auf 60 Dollar pro Barrel, würde das Wachstum in Deutschland 2026 laut einer Simulation des IW um 0,1 Prozent höher ausfallen. Im Jahr 2027 würde es dann zusätzlich um 0,8 Prozent steigen. Aber selbst ein Ölpreis von 80 Dollar pro Barrel hätte positive Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft. Zwar wäre der Effekt im laufenden Jahr kaum spürbar, 2027 wäre jedoch mit einer Steigerung des BIP von zusätzlich rund 0,4 Prozent zu rechnen, so das IW.
Am Dienstag bewegte sich der Ölpreis der gängigen Sorte Brent bei 73 Dollar pro Barrel – etwas über dem Niveau kurz vor Beginn des Iran-Kriegs. Nach den amerikanisch-israelischen Angriffen war der Preis kurzzeitig über die Marke von 105 Dollar pro Barrel geklettert. Allerdings bleibt der Streit um die Kontrolle der Straße von Hormus ein Unsicherheitsfaktor. „Wenn Iran künftig Gebühren erheben würde, wäre das mit Kosten verbunden, die die Wirtschaft belasten“, sagte Galina Kolev-Schaefer, Professorin an der TH Köln und Ökonomin am IW, unserer Redaktion.
Auch bei einer Stabilisierung der Lage am Golf wird die Inflation nicht über Nacht zurückgehen. Frühere Energiepreissteigerungen wirken sich weiterhin auf Lieferketten, Versorgungskosten und Mieten aus. „Die Inflationsrate würde im Best-Case-Szenario in diesem Jahr auf rund 2,7 Prozent und 2027 auf etwa 2,2 Prozent sinken“, sagte Timo Wollmershäuser vom Münchner Ifo-Institut unserer Redaktion.
Doch selbst wenn die Straße von Hormus zügig geöffnet wird, ist keine schnelle Normalisierung der Weltwirtschaft in Sicht. Der Energiedatendienstleister Kpler erwartet, dass es Wochen bis Monate dauern wird, bis der Ölfluss wieder normal läuft. Zunächst muss die Meerenge von Minen gereinigt werden. In Iran und in den arabischen Golfstaaten müssen beschädigte Förderanlagen, Terminals und Raffinerien repariert werden, was sich über Jahre hinziehen kann. Hinzu kommt, dass viele Länder ihre abgebrannten Ölreserven wieder auffüllen, was die Nachfrage und damit die Preise hoch hält.
Szenario 2: Die Straße von Hormus bleibt instabil – und es kommt zu neuen Angriffen
Bleibt die Lage fragil und wechseln sich Gespräche und gegenseitige Angriffe zwischen den USA und Iran ab, sind Prognosen schwierig. Die Märkte reagieren je nach Signal kurzatmig in die eine oder andere Richtung. „Der Ölpreis wird wieder ansteigen – vor allem wird die Unsicherheit hoch bleiben“, betont Kolev-Schaefer. Hohe Benzinpreise schmälern das Budget der Verbraucher, primär beim auslaufenden Tankrabatt. Das Wirtschaftswachstum in Deutschland würde gedämpft, die Lage bei der Inflation zunächst angespannt bleiben, unterstreicht die IW-Ökonomin. „Darüber hinaus würde es Zweitrundeneffekte geben: Die hohen Düngemittelpreise werden etwa erst im Laufe des Sommers auf die Lebensmittelpreise durchschlagen.“
Wird der Warenfluss durch die Straße von Hormus gestört, ist zudem mit einer Verschärfung der Lieferkettenprobleme in Deutschland zu rechnen. „Schon jetzt ist vor allem die Chemie-Industrie betroffen, weil die Vorprodukte aus dem Persischen Golf fehlen“, warnt der Ifo-Forscher Wollmershäuser. Langsam greife dies aber auch auf andere Bereiche wie den Maschinenbau oder die Bauwirtschaft über. Insbesondere Ostasien leide derzeit unter der Knappheit bei Erdöl und Erdgas aus der Golfregion. „Dieser Energiemangel bewirkt, dass gewisse Produktionen in Ostasien heruntergefahren werden, weshalb gewisse Vorprodukte nicht bei deutschen Unternehmen ankommen“, so Wollmerhäuser. Das sei schmerzlich, weil die Industrie in Deutschland seit Beginn des Jahres infolge von Auftragseingängen auch aus dem Ausland etwas Schwung bekommen habe.
„In diesem Szenario rechnen wir für 2026 und 2027 mit einem Wachstum in Deutschland von jeweils 0,8 Prozent. Die Inflationsrate sehen wir in diesem Jahr bei 2,9 Prozent und im kommenden Jahr bei 2,7 Prozent“, prognostiziert der ifo-Mann.
Szenario 3: Die Rahmenvereinbarung platzt – es droht eine neue bewaffnete Eskalation am Golf
Im Worst-Case-Szenario einer Eskalation am Golf bekommt die Konjunktur von allen Seiten Gegenwind. Hohe Energiepreise, stockende Lieferketten und verunsicherte Verbraucher summieren sich zu einem gefährlichen Mix. „Das Wirtschaftswachstum in Deutschland wird trotz der wichtigen Impulse der Fiskalpolitik wie Sondervermögen und Militärausgaben schwach bleiben. Es dürfte in diesem Jahr unter 0,5 Prozent liegen“, schätzt die IW-Expertin Kolev-Schaefer. Mittelfristig käme es jedoch zu einer Anpassung der Handelsströme. „Die Länder, die aktuell an einer Unterversorgung mit Öl, Gas oder Düngemitteln leiden, werden sich neue Lieferanten außerhalb des Nahen Ostens suchen.“
Auch über der Preisfront hängen dunkle Wolken. „Die Inflationsrate dürfte sich deutlich über zwei Prozent, vielleicht sogar um die Drei-Prozent-Marke herum bewegen“, so Kolev-Schaefer. Von einer Hochinflationsphase wie zu Beginn des Ukraine-Krieges 2022 und 2023 sei dennoch nicht auszugehen. Im Gegensatz zu damals hat die Europäische Zentralbank im Juni schnell mit einer Anhebung der Leitzinsen auf die gestiegenen Preise reagiert. „Sollte die Inflationsrate hoch bleiben, ist mit weiteren Zinserhöhungen zu rechnen. Das macht Kredite teurer, was Unternehmensinvestitionen bremst und den privaten Konsum dämpft“, so die IW-Forscherin.
Am Ende entscheidet auch der Zeitfaktor. „Jeder Tag, an dem es keine Einigung gibt, die Straße von Hormus geschlossen ist und die Ölpreise hoch bleiben, kostet Wachstum und treibt die Inflation“, resümiert der Ifo-Mann Wollmershäuser.



