7,7 Millionen Beschäftigte verdienen unter 15 Euro: Niedriglohnsektor in Deutschland wächst
7,7 Millionen Deutsche verdienen unter 15 Euro pro Stunde

Niedriglohn in Deutschland: Millionen Beschäftigte unter der Armutsgrenze

Im vergangenen Jahr haben knapp 7,7 Millionen Beschäftigte in Deutschland weniger als 15 Euro brutto pro Stunde verdient. Das entspricht einem Anteil von 19,3 Prozent aller Arbeitnehmer, wie aus einer aktuellen Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken hervorgeht. Die Daten basieren auf der jüngsten Verdiensterhebung des Statistischen Bundesamtes und zeigen eine alarmierende Entwicklung im Niedriglohnsektor.

EU-Richtlinien und deutsche Realität klaffen auseinander

Der Linke-Abgeordnete Cem Ince, der die Anfrage gestellt hatte, kritisiert die Situation scharf: „Der EU-Mindestlohnrichtlinie zufolge müssten Beschäftigte mindestens 15 Euro pro Stunde verdienen.“ Für eine angemessene Lebensqualität seien sogar deutlich über 16 Euro nötig, wie Studien belegen. Der gesetzliche Mindestlohn liegt derzeit bei 13,90 Euro und soll erst Anfang 2027 auf 14,60 Euro angehoben werden. Die Niedriglohnschwelle wurde im April 2025 mit 14,32 Euro definiert, wobei Löhne unter zwei Drittel des mittleren Verdienstes als Niedriglohn gelten.

Branchen mit besonders hohem Niedriglohnanteil

Besonders stark betroffen sind Beschäftigte in bestimmten Wirtschaftszweigen:

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  • Im Gastgewerbe gab es über 1,1 Millionen Jobs unter 15 Euro pro Stunde.
  • Autohandel und -instandhaltung verzeichnen ebenfalls hohe Niedriglohnquoten.
  • Wirtschaftliche Dienstleistungen, Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft sowie Kunst, Unterhaltung und Erholung weisen überdurchschnittlich viele Niedriglohnbeschäftigte auf.

Regional zeigt sich ein deutliches Gefälle: In Westdeutschland verdienen rund 6,5 Millionen Menschen unter 15 Euro, in Ostdeutschland sind es knapp 1,2 Millionen. Geschlechtsspezifisch sind 4,3 Millionen Frauen und 3,4 Millionen Männer betroffen.

Forderungen nach armutsfesten Löhnen und sozialer Gerechtigkeit

Gewerkschaften und politische Vertreter fordern seit langem eine Lohnuntergrenze von mindestens 60 Prozent des mittleren Bruttolohns, in Anlehnung an die EU-Mindestlohnrichtlinie. Laut der Hans-Böckler-Stiftung wären dafür im vergangenen Jahr bereits 15,12 Euro nötig gewesen. Cem Ince wirft der Bundesregierung und Unternehmen vor, den Druck auf Beschäftigte zu erhöhen, während über niedrige Bezahlung geschwiegen werde. „Der Satz 'Arbeit muss sich lohnen' darf nicht bedeuten, Arbeitslose zu drangsalieren“, so Ince. „Er muss heißen: Gute Löhne für alle Arbeitenden, statt leistungsloses Einkommen für die Reichsten.“ Er fordert einen armutsfesten Mindestlohn sowie eine Stärkung von Tarifverträgen und Gewerkschaften.

Die anhaltende Debatte über Arbeitsmoral und Sozialstaat in Deutschland unterstreicht die Dringlichkeit dieser Forderungen. Mit Millionen Beschäftigten im Niedriglohnsektor bleibt die soziale Ungleichheit ein zentrales Thema für Politik und Gesellschaft.

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