Krisenresilienz in Unternehmen: Beschäftigte sehen große Lücken bei Vorbereitung auf Störfälle
Beschäftigte sehen Lücken in Krisenvorbereitung der Unternehmen

Krisenresilienz in deutschen Unternehmen: Beschäftigte sehen erhebliche Vorbereitungsdefizite

Berlin • Gewalt, gestörte Lieferketten, Cyberangriffe und Stromausfälle – Deutschlands Wirtschaft sieht sich zunehmend mit vielfältigen Krisen und Störfällen konfrontiert. Doch in den Betrieben hapert es nach Ansicht vieler Beschäftigter und Führungskräfte häufig an der Vorbereitung auf solche Störungen. Eine aktuelle Forsa-Umfrage im Auftrag der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung zeigt: Nur rund jeder Dritte hält sein Unternehmen oder seine Einrichtung bei Lieferkettenstörungen, Gewaltereignissen oder Stromausfällen für gut gewappnet.

Unfallzahlen sinken, aber neue Risiken entstehen

Die Unfallversicherung kann zwar positive Zahlen präsentieren. Die Zahl der meldepflichtigen Arbeitsunfälle sank erneut um etwa 24.000 auf 731.000 im vergangenen Jahr. Vor dreißig Jahren waren es noch über 1,6 Millionen, vor zehn Jahren knapp 870.000. Die Unfallversicherung führt diesen Rückgang vor allem auf verbesserte Vorbeugemaßnahmen zurück: Brandschutzübungen, Erste-Hilfe-Kurse, Notfall- und Krisenpläne zeigen Wirkung. Auch die Zahl der Todesfälle durch Arbeitsunfälle ging auf 335 Fälle im Jahr 2025 zurück. Insgesamt sind in der Unfallversicherung rund 68 Millionen Menschen in Deutschland gegen Arbeits-, Wege-, Schul- und Schulwegunfälle sowie Berufskrankheiten abgesichert.

Doch die Umbrüche zeigen sich auch in diesem Bereich deutlich. „Die Welt verändert sich“, betont Stephan Fasshauer, Hauptgeschäftsführer der Unfallversicherung. Der Schwerpunkt der diesjährigen Untersuchung liegt auf der Krisenresilienz. Nicht nur mögliche Brände, fehlende Notknöpfe und Fluchtwege interessieren die Unfallversicherung, sondern auch das Bewusstsein für die Folgen digitaler Angriffe, externer Schocks, unterbrochener Lieferketten oder Naturkatastrophen.

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Globale Umbrüche erreichen die Unternehmen direkt

Erst vor etwa zwei Monaten mahnte Kanzler Friedrich Merz (CDU): „Auch die Wirtschaft muss ein besseres Verständnis entwickeln, wo sie verletzbar ist, etwa in den Lieferketten bei kritischen Komponenten, in Spannungssituationen oder bei terroristischen Bedrohungen.“ Der Koalitionsausschuss hatte gerade mehr Schutz für die kritische Infrastruktur beschlossen. Seither erreichen weitere Schockwellen globaler Umbrüche die Unternehmen fast täglich.

Fasshauer weist auf die Abhängigkeiten hin, aktuell insbesondere vom Ölpreis und der vom Iran größtenteils blockierten Straße von Hormus. Generell gelte es, unabhängiger zu werden. Beispielsweise setze man bei der Unfallversicherung auf „digitale Souveränität“ und bemühe sich um europäische Lösungen. Die neue Umfrage will auch das Bewusstsein dafür erkunden, dass Störungen von außen das Geschäftsmodell schnell aus dem Takt bringen können.

Wo die Vorbereitung besonders mangelhaft ist

Wie gut sehen die Beschäftigten ihr Unternehmen oder ihre Einrichtung für Krisen und Störfälle gewappnet? Mehr als 2000 Beschäftigte, darunter über 500 Führungskräfte, wurden befragt. Am häufigsten gut vorbereitet sehen sie ihren Betrieb mit 64 Prozent auf Pandemien, nach den jahrelangen Erfahrungen mit Corona. Positiv fällt das Urteil bei fast zwei von dreien auch im Fall von Bränden oder Explosionen aus. Immerhin 52 Prozent halten ihr Unternehmen für Cyberangriffe gut gewappnet.

Nur eine Minderheit sieht das eigene Unternehmen hingegen auf andere Störungen gut vorbereitet:

  • Beeinträchtigung von Lieferketten: 38 Prozent
  • Naturkatastrophen: 30 Prozent
  • Tagelange Stromausfälle: nur 28 Prozent

Kleinere Unternehmen scheinen dabei oft weniger gut vorbereitet zu sein. Der mutmaßlich linksextremistische Anschlag auf die Stromversorgung im Berliner Südwesten lag zum Umfragezeitpunkt Anfang Februar erst wenige Wochen zurück.

„Resilienz ist wirklich wichtig“, betont Fasshauer. Bei einem Cyberangriff müsse der Notfallplan im Zweifelsfall sofort greifen und jeder Handgriff funktionieren. „Da geht es um Minuten.“ An vielen Stellen sei in Deutschland hart trainiert worden. „Allerdings nehmen wir zum Teil die Situation noch nicht so wahr, wie man es vielleicht machen müsste.“

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Sozialer Austausch reicht oft nicht aus

Gefragt wurden die Beschäftigten auch nach ihren eigenen Belastungen. Jeder Zweite fühlt sich am Arbeitsplatz durch häufige Störungen, hohe Arbeitsintensität und unklare Zuständigkeiten belastet – also durch die Arbeitsorganisation. Jeweils rund ein Drittel fühlen sich durch die Arbeitsinhalte und -aufgaben selbst sowie durch die sozialen Beziehungen am Arbeitsplatz belastet. Was dabei häufig fehlt, sind ausreichender sozialer Austausch, soziale Unterstützung, Rückmeldung und Anerkennung.

Zukunftsängste der Beschäftigten

Steigende psychische Belastung fürchten fast zwei von drei Beschäftigten für die Zukunft. Fast jeder zweite sorgt sich um veränderte Altersstrukturen, das Älterwerden der Belegschaft und den Fachkräftemangel. 45 Prozent rechnen laut Umfrage damit, dass Risiken durch Cyberangriffe zunehmen. Steigende Risiken durch Stromausfälle, etwa Angriffe auf technische Anlagen, fürchtet ein Fünftel.

Interessante branchenspezifische Unterschiede zeigen sich:

  • Dass Gefährdungen durch klimatische Veränderungen wachsen, glauben insbesondere Beschäftigte im Baugewerbe.
  • Steigende Risiken durch Künstliche Intelligenz erwarten vor allem Beschäftigte im Finanz- und Versicherungssektor.

Die Umfrage verdeutlicht: Während die klassischen Arbeitsunfallzahlen sinken, wachsen neue Risiken durch globale Abhängigkeiten, digitale Angriffe und komplexe Störfälle. Die Resilienz deutscher Unternehmen wird in den kommenden Jahren eine zentrale Herausforderung bleiben.