Reformpaket der Koalition: Wie Schwarz-Rot in das Krankenschein-Fiasko stolperte
Das Reformpaket von SPD und Union bekommt viel Lob, doch der Ärger über die verpflichtende Krankschreibung ab Tag eins droht den Erfolg zu überlagern. Kippt die Regelung wieder? Von Paul-Anton Krüger, Andreas Niesmann, Christian Teevs und Gerald Traufetter. 03.07.2026, 16.43 Uhr.
Koalitionäre Merz und Bas bezeichnen die Situation als „grandiosen Misserfolg“. Foto: Clemens Bilan / EPA.
Die verpflichtende Krankschreibung ab dem ersten Krankheitstag sorgt für erheblichen Unmut in der Bevölkerung und bei Wirtschaftsverbänden. Die Regelung, die Teil des großen Reformpakets der schwarz-roten Koalition ist, sieht vor, dass Arbeitnehmer bereits am ersten Tag der Arbeitsunfähigkeit ein ärztliches Attest vorlegen müssen. Bislang war dies erst ab dem dritten Tag erforderlich.
Widerstand aus der Wirtschaft und von Arbeitnehmervertretern
Wirtschaftsverbände kritisieren die Neuregelung als bürokratische Hürde, die insbesondere kleine und mittlere Unternehmen belaste. „Die verpflichtende Krankschreibung ab Tag eins führt zu unnötigen Arztbesuchen und belastet die Praxen“, so ein Sprecher des Bundesverbands der Deutschen Industrie. Auch Gewerkschaften zeigen sich skeptisch: „ Arbeitnehmer werden unter Druck gesetzt, auch bei leichten Erkrankungen zum Arzt zu gehen, was die Genesung verzögern kann“, erklärte ein Vertreter des Deutschen Gewerkschaftsbunds.
Politische Diskussion über eine mögliche Rücknahme
Innerhalb der Koalition mehren sich die Stimmen, die eine Rücknahme der Regelung fordern. „Die verpflichtende Krankschreibung ab Tag eins war ein Fehler. Wir müssen die Bürokratie für Arbeitnehmer und Ärzte reduzieren“, so ein SPD-Abgeordneter. Unionspolitiker hingegen verteidigen die Maßnahme als notwendigen Schritt zur Bekämpfung von Krankschreibungen ohne tatsächliche Erkrankung. „Wir dürfen nicht zulassen, dass das System missbraucht wird“, betonte ein CDU-Gesundheitsexperte.
Auswirkungen auf das Reformpaket
Das gesamte Reformpaket, das neben der Krankschreibung auch Änderungen in der Pflegeversicherung und bei den Beiträgen zur gesetzlichen Krankenversicherung umfasst, steht nun auf dem Prüfstand. Sollte die Krankschreibungsregelung gekippt werden, könnte dies den Zusammenhalt der Koalition gefährden. „Das Reformpaket ist ein Kompromiss, der nur als Ganzes Bestand haben kann“, warnte ein Koalitionsvertreter.
Die Bundesregierung plant nun eine Evaluierung der Regelung innerhalb der nächsten sechs Monate. Sollte sich zeigen, dass die verpflichtende Krankschreibung zu keiner signifikanten Reduzierung der Fehlzeiten führt, könnte sie zurückgenommen werden. „Wir werden die Daten genau analysieren und dann eine Entscheidung treffen“, kündigte Gesundheitsminister Karl Lauterbach an.



