Neurodiversität im Beruf: Wenn das Nervensystem nicht ins Büro passt
Mika (30) aus Regensburg musste auf die harte Tour lernen, dass ihr Gehirn anders funktioniert als das der meisten Menschen. Ihr äußerlich beeindruckender Lebenslauf – Abitur, BWL-Studium, Stationen im Steuerbüro, Marketing bei einem großen Modekonzern und sogar im Logistik-Management der US Army – verbarg jahrelang eine innere Krise. Sie fühlte sich nirgendwo zugehörig und glaubte lange, an Depressionen zu leiden. Erst spät erkannte sie: Ihr Problem war kein persönliches Scheitern, sondern ein anderes, neurodivergentes Nervensystem.
Späte Erkenntnis: ADHS und Autismus bei Frauen oft unentdeckt
Erst mit Ende 20 kam Mika mit dem Thema Neurodivergenz in Berührung und fand sich darin wieder. ADHS und Autismus (AuDHS) bleiben bei Frauen häufig lange unerkannt. Nach außen wirken sie oft „normal“ oder neurotypisch, während sie innerlich enorme Anstrengungen unternehmen, um in einer Welt zu funktionieren, die nicht für sie gebaut ist. Zum ersten Mal verstand Mika, warum sie sich seit ihrer Kindheit stets „falsch“ gefühlt hatte. Diese späte Diagnose war für sie ein Schlüsselmoment, der ihr Selbstverständnis grundlegend veränderte.
Der Bruch mit dem Büroalltag: Selbstständigkeit als Lösung
Die konventionelle Arbeitswelt mit ihren starren Strukturen wurde für Mika zur unüberwindbaren Hürde. Reizüberflutung, permanente soziale Anforderungen und unflexible Zeitmodelle bedeuteten für sie Dauerstress – oft ohne äußerlich erkennbare Ursache. „Ich bin nicht am Job gescheitert – sondern an Strukturen, die für mein Nervensystem nicht gebaut waren“, erklärt sie heute. Deshalb entschied sie sich gegen ihren Bürojob und arbeitet nun als Content-Creatorin in Selbstständigkeit.
Erst diese Unabhängigkeit ermöglichte ihr produktives Arbeiten im eigenen Rhythmus:
- Fokusphasen statt ständiger Verfügbarkeit
- Selbstregulation anstelle von Fremdsteuerung
- Leistung ohne permanente Überforderung
Ein Appell für mehr Bewusstsein und Inklusion
Mika nutzt ihre öffentliche Plattform, um aufzuklären und zu zeigen, dass es oft nicht die Menschen sind, die nicht passen – sondern die Strukturen, in die sie gezwungen werden. „AuDHS ist kein Defizit. Es ist ein anderes Betriebssystem. Das Problem ist, dass unsere Arbeitswelt nur für eines programmiert wurde“, betont sie. Ihr Weg steht exemplarisch für die Herausforderungen neurodivergenter Menschen in traditionellen Berufsfeldern und unterstreicht die Notwendigkeit flexiblerer, inklusiverer Arbeitsmodelle.
Ihre Geschichte wirft wichtige Fragen auf: Wie können Unternehmen neurodiverse Talente besser integrieren? Welche Anpassungen sind nötig, um unterschiedliche Nervensysteme zu berücksichtigen? Mika zeigt, dass ein Umdenken nicht nur möglich, sondern für viele essenziell ist, um ihr volles Potenzial entfalten zu können.



