Studie zu Bildungsgerechtigkeit: Soziale Herkunft bestimmt Gymnasialchancen
Kinder aus nicht-akademischen und einkommensschwachen Familien haben in Deutschland weiterhin deutlich schlechtere Chancen, ein Gymnasium zu besuchen. Dies zeigt der aktuelle ifo-Chancenmonitor, der an diesem Dienstag veröffentlicht wurde. Die Forscher fordern einen grundlegenden Umbau des Schulsystems.
Das Mädchen, das hier Dalia heißen soll, sitzt am Tisch und wiederholt leise ein Frühlingsgedicht. Die Zwölfjährige besucht die fünfte Klasse eines Gymnasiums in Elmshorn, Schleswig-Holstein. Sie möchte Abitur machen, Medizin studieren und Ärztin werden. Bisher sieht es danach aus, als könnte Dalia das schaffen – bemerkenswert für ein Mädchen aus bildungsfernem Elternhaus.
Die Ungerechtigkeit verfestigt sich
Dalia ist eines von etwa einem Dutzend Kindern, das regelmäßig den Kinderschutzbund Elmshorn besucht, um zu spielen und Hausaufgaben zu machen. Die Einrichtung ist eine Anlaufstelle für Kinder, deren Eltern meist weder Akademiker noch wohlhabend sind. Statistisch ist es für diese Kinder höchst unwahrscheinlich, nach der Grundschule aufs Gymnasium zu wechseln und dort gute Noten zu erzielen.
Der ifo-Chancenmonitor, der auf Daten von 67.851 Kindern und Jugendlichen basiert, stellt fest: „In Deutschland besteht je nach familiärem Hintergrund ein enormer Unterschied in der Wahrscheinlichkeit, ein Gymnasium zu besuchen.“ Die Ungleichheit habe sich über drei Jahre weiter verfestigt.
Entscheidend ist die soziale Herkunft
Die Studie zeigt, dass Alleinerziehendenstatus und Migrationsgeschichte eher schwache Effekte haben. Entscheidend sind das Bildungsniveau der Eltern und das Haushaltseinkommen. Haben beide Eltern kein Abitur und ein Einkommen unter 2.750 Euro monatlich, liegt die Gymnasialchance bei nur 16,9 Prozent. Bei Akademikereltern mit hohem Einkommen und Migrationshintergrund beträgt sie dagegen 80,3 Prozent.
„Die Startchancen von Kindern werden noch immer viel zu sehr von ihrer sozialen Herkunft bestimmt“, warnt Studienautor Ludger Wößmann. „Das führt zu sozialen Spannungen und gefährdet den gesellschaftlichen Zusammenhalt.“
Auffällige Geschlechterunterschiede
Hinzu kommen geschlechtsspezifische Unterschiede: Jungen werden häufiger spät eingeschult, erhalten öfter Diagnosen wie Lese-Rechtschreib-Schwäche oder ADHS und bleiben häufiger sitzen. Im Schuljahr 2024/25 lag der Anteil männlicher Schüler an Haupt- und Mittelschulen bei 57 Prozent, an Förderschulen sogar bei 65 Prozent. Seit den 1980er Jahren gibt es mehr Abiturientinnen als Abiturienten.
Die Forscher empfehlen mehr männliche Fachkräfte in Kitas und Schulen, Sensibilisierung für Geschlechterstereotype und den Ausbau der Leseförderung für Jungen.
Gegenmaßnahmen: Bildung breit streuen
Der Kinderschutzbund Elmshorn bietet zweimal pro Woche kostenlose Hausaufgabenbetreuung und Nachhilfe an. „Niedrigschwelliger geht es nicht“, sagt Vorsitzender Claas Schmidt-Riese. Das Angebot ist rein spendenfinanziert. Dalia kommt regelmäßig: „Wenn ich etwas nicht verstehe, kann ich jemanden fragen.“
Lebensumstände als Bildungshürden
In Elmshorn ist fast jedes vierte Kind armutsgefährdet. Schmidt-Riese zählt fünf Hürden auf: Betreuung jüngerer Geschwister, beengte Wohnverhältnisse, Sprachbarrieren, fehlendes Frühstück und Armut. Viele Eltern lieben ihre Kinder und legen Wert auf Bildung, haben aber kein Geld für Nachhilfe oder scheitern an Bürokratie.
„Diese Kinder haben keine Lobby“, kritisiert Schmidt-Riese. Eine Negativspirale setze ein: Das Kind glaube, nichts zu verstehen, werde frustriert, verhaltensauffällig und bekomme schlechte Noten.
20 Milliarden für 4.000 Schulen
Das Startchancenprogramm von Bund und Ländern investiert zehn Jahre lang 20 Milliarden Euro in 4.000 Schulen in herausfordernden Lagen. Doch es erreicht nur jede zehnte Schule. Grundlegende Strukturreformen fehlen. Dabei könnte das Bruttoinlandsprodukt durch bessere Bildung bis 2105 um rund 20,9 Billionen Euro steigen.
Forscher fordern radikalen Schul-Umbau
Die ifo-Forscher fordern frühkindliche Bildungsangebote, Erziehungshilfen, Mentoring und kostenfreie Nachhilfe. Zudem müssten die besten Lehrkräfte an Schulen mit benachteiligten Kindern gebracht werden und der gemeinsame Unterricht über die Grundschulzeit hinaus verlängert werden. Ein radikaler Umbau der Schullandschaft, der politisch wohl auf taube Ohren stößt.
Der Kinderschutzbund Elmshorn setzt daher auf Aufklärung: „Wir besuchen Schulen und klären Kinder über ihre Rechte auf, auch das Recht auf Bildung“, sagt Janina Rohloff.



