Windkraft-Ausbau in der Seenplatte: Kreistag lehnt Flächenziel ab, Bürgerproteste legen Planung lahm
Der Landkreis Mecklenburgische Seenplatte hat sich mehrheitlich gegen die Bebauung von 1,4 Prozent seiner Fläche mit Windkraftanlagen ausgesprochen. Bei der jüngsten Kreistagssitzung in Neubrandenburg beschlossen die Mitglieder auf Vorschlag der BSW-Fraktion einen entsprechenden Appell an den Regionalen Planungsverband. Dieser Schritt erfolgte vor dem Hintergrund massiver Bürgerproteste, die den gesamten Planungsprozess erheblich verzögern.
Über 6000 Einwände werfen Zeitplan über den Haufen
Die Fertigstellung des Windplans für die Region verzögert sich deutlich, da der Widerstand aus der Bevölkerung unerwartet groß ausfällt. Insgesamt 6068 Stellungnahmen zum aktuellen Planungsentwurf aus September 2025 sind beim Regionalen Planungsverband eingegangen. Besonders bemerkenswert: 5450 dieser Einwände wurden in Papierform eingereicht, viele davon sogar handschriftlich, wie Landrat Thomas Müller (CDU) mitteilte.
Diese enorme Anzahl an Bürgeräußerungen hat nicht nur den Zeitablauf für den Beschluss des Windplans durcheinandergewürfelt, sondern wird aller Voraussicht nach auch zu weiteren Anpassungen an den geplanten Flächen führen. Ina Spiegelberg, stellvertretende Leiterin des Planungsverbands, erklärte gegenüber dem Nordkurier: „Wir haben in etwa das Sechsfache von dem bekommen, was erwartet wurde.“ Der zunächst für Juni avisierte Termin zur Beschlussfassung durch die Verbandsversammlung kann daher nicht eingehalten werden.
Manuelle Auswertung dominiert – KI nur begrenzt im Einsatz
Die Bearbeitung der tausenden Stellungnahmen gestaltet sich äußerst aufwendig, insbesondere weil der Großteil in Papierform vorliegt. Zwar kommt in einem „begrenzten Maße“ auch ein KI-Modul (Künstliche Intelligenz) zum Einsatz, doch diese automatisierte Arbeit beschränkt sich lediglich auf die Strukturierung und Gruppierung der eingegangenen Einwände. „Die Bewertung und Abwägung erfolgt nicht automatisiert, sondern weiterhin durch Menschen“, betonte Spiegelberg. Diese Klarstellung erfolgte auch als Reaktion auf kritische Nachfragen von Lokalpolitikern wie Mirows Bürgermeister Henry Tesch (CDU), der Bedenken zum Einsatz von KI-Anwendungen geäußert hatte.
Kreistagsdebatte: Emotionale Appelle und klare Ablehnung
In der Kreistagssitzung fanden die Abgeordneten deutliche Worte für ihre Position. Gilbert Schulz (Freier Horizont, Mitglied der BSW-Fraktion) warnte: „Werden die Pläne realisiert, kann man von jedem Punkt des Landkreises aus Windkraftanlagen sehen, oft auch hören.“ Er kritisierte zudem die finanziellen Belastungen für die Bürger durch gestiegene Strompreise und sprach in Bezug auf die Flächenvorgabe von „Erpressung“ durch Bund und Land.
Enrico Schult von der AfD-Fraktion ergänzte: „2000 Windräder stehen schon, 4000 werden es. Wir kämpfen weiter dafür, das aufzuhalten.“ Seine Fraktion stimmte jedoch nicht für die Ablehnung der 1,4-Prozent-Fläche, da sie dies nicht für den richtigen Weg hielt.
Norbert Schumacher (Freier Horizont, BSW-Fraktion) appellierte an die Verbandsmitglieder: „In dieser Gesellschaft muss man auch mal Nein sagen. Wir können nicht jeden Unfug mitmachen.“ Er forderte den Planungsverband auf, „auf sein Gewissen zu hören und nicht zum Erfüllungsgehilfen zu werden“.
Zeitdruck und mögliche Konsequenzen
Landrat Thomas Müller, der auch Chef des Planungsverbands ist, machte deutlich, dass bis Ende 2027 nach aktueller Gesetzeslage Windvorranggebiete auf 1,4 Prozent der Fläche in der Seenplatte ausgewiesen werden müssen. Sollte dies nicht geschehen, würde ein allgemeiner Vorrang von Windenergieanlagen im Außenbereich gelten – was Müller als „Wildwuchs“ bezeichnete. Der aktuelle Entwurf sieht bereits 56 Windvorranggebiete vor, die 1,54 Prozent der Regionsfläche umfassen.
Die Beschlussfassung durch die Verbandsversammlung wird sich nun voraussichtlich bis in den Herbst dieses Jahres oder sogar bis zum Herbst 2027 verzögern. Die massiven Bürgerproteste, die sich in über 6000 Einwänden manifestieren, haben somit nicht nur den Zeitplan durcheinandergebracht, sondern auch die politische Debatte in der Region nachhaltig geprägt.



