Nach einem schwerwiegenden Ausfall des digitalen Bahnfunks am Dienstagabend, der den Zugverkehr in Deutschland für rund 90 Minuten lahmlegte, hat BILD eine große Leserumfrage gestartet. Die Frage: Ist die Deutsche Bahn überhaupt noch zu retten? Bis Mittwoch um 16 Uhr beteiligten sich 2882 Leser an der Abstimmung. Das Ergebnis ist vernichtend: 79 Prozent der Teilnehmer glauben nicht mehr an eine Rettung des Staatskonzerns. Nur 17 Prozent halten die Bahn noch für sanierungsfähig, vier Prozent sind unentschlossen.
„Die Bahn ist ein Spiegelbild Deutschlands“
In den Kommentaren zur Debatte zieht sich ein zentraler Gedanke durch: Viele Leser sehen die Bahn nicht als isoliertes Problem, sondern als Symptom eines größeren Versagens. „Die Bahn ist ein Spiegelbild des gesamten Landes“, schreibt ein Leser. Jahrzehntelang seien Investitionen in die Infrastruktur verschoben worden – nicht nur bei der Schiene, sondern auch bei Straßen, Brücken und Schulen. Ein anderer vergleicht die Situation mit einem Haus, in das jahrelang kaum investiert wurde: Irgendwann müssten die Kinder deutlich mehr Geld aufbringen, um alles wieder in Schuss zu bringen.
Kritik an Bahnreform und veralteter Technik
Mehrere Leser machen die Bahnreform der 1990er-Jahre für die Misere verantwortlich. Die Bahn sei damals zu stark auf Wirtschaftlichkeit und Gewinnmaximierung ausgerichtet worden. Wartung, Instandhaltung und Personal seien über Jahre vernachlässigt worden. Der jüngste Totalausfall passe perfekt ins Bild: Der aktuelle Bahnfunk GSM-R basiert noch immer auf der 2G-Technik, einem Mobilfunkstandard aus den 1990er-Jahren. Der moderne Nachfolger soll europaweit erst bis spätestens 2035 vollständig eingeführt werden. „Wenn die IT-Kompetenz auf dem Stand der 90er stehen bleibt, kann man nichts anderes erwarten“, kommentiert ein Leser. Ein anderer spottet: „Wer noch mit Fax arbeitet, braucht sich nicht wundern.“ Besonders kritisch sehen viele die Tatsache, dass die Bahn inzwischen weltweit Ersatzteile für die alte Technik zusammenkaufen muss, weil manche Komponenten gar nicht mehr hergestellt werden.
Frust über Bürokratie und Management
Andere Leser sehen das Hauptproblem weniger bei der Politik als direkt im Unternehmen. Ein Bauunternehmer berichtet von einem Bahn-Projekt in Bonn: „So eine Katastrophe im Bauablauf habe ich in 40 Berufsjahren noch nicht erlebt.“ Kritisiert werden langwierige Abstimmungsprozesse, zu viele Hierarchieebenen und eine Verwaltung, die Entscheidungen eher verhindere als ermögliche. Auch der Kundenservice sorgt für Ärger. Mehrere Leser sprechen von einer „Servicewüste unter dem Deckmantel der Digitalisierung“. Immer weniger Ansprechpartner, immer mehr Apps, Hotlines und Online-Formulare.
Hoffnung bei wenigen – mit klaren Bedingungen
Trotz aller Kritik gibt es auch Leser, die an eine Zukunft der Bahn glauben. Allerdings verbinden sie ihre Hoffnung mit klaren Bedingungen: mehr Geld, mehr Personal, weniger Bürokratie, langfristige Planung und vor allem Geduld. Denn selbst die Optimisten gehen davon aus, dass die Probleme nicht in wenigen Jahren verschwinden werden. „Es wird besser. Aber bis es gut ist, vergeht mindestens die gleiche Zeit, die man gebraucht hat, alles kaputtzumachen“, schreibt ein Leser. Das Fazit der großen BILD-Debatte: Nach dem Funk-Chaos steht die Deutsche Bahn nicht nur vor technischen Herausforderungen. Sie verliert auch das Vertrauen ihrer Fahrgäste.



