Der weiße Kombi vor dem Schweriner Bahnhof fällt auf. Einen Citroen BX kennen Menschen, die die DDR noch erlebt haben, als Fahrzeug, mit dem Mitglieder der Regierung in Berlin unterwegs waren. Doch hier wird ein junges Paar erwartet. Anne und Tom sind Mitte 20 und möchten an diesem Mittwoch über Hamburg bis ins westfälische Münster mitfahren. Den Schienenersatzverkehr bis in die Hanse-Metropole zu nutzen, hielten sie für keine gute Idee: „Das dauert erheblich länger, teilweise sind die Verbindungen nicht so zuverlässig, und man lernt bei den Mitfahrten oft interessante Leute kennen“, sagt Tom Kiese.
Mitfahrportale boomen auf gesperrter Strecke
Ein Blick in die einschlägigen Internetportale zeigt, dass die Zahl der Nutzungen auf der von der Sperrung betroffenen Strecke Berlin-Hamburg in den letzten Monaten zugenommen hat. Wie sich das nun nach der teilweisen Freigabe der Strecke entwickelt, bleibt abzuwarten. Der 26-jährige Jungunternehmer ist in Begleitung seiner Freundin Anne Dettmann. Für die junge Frau ist es die zweite Erfahrung mit einer Mitfahrt über ein Online-Portal: „Das finde ich bequemer als in einem Bus. Das Gepäck ist sicher im Kofferraum verstaut, man muss nicht auf seine Sachen aufpassen. Und der Fahrer fährt auf Wunsch mal raus für eine Pause.“
Günstig und gesellig: Mitfahrgelegenheiten als Alternative
Für Tom sind Mitfahrportale wie Blablacar eine echte Alternative zur Deutschen Bahn, die er beruflich oft nutzt: „Ich finde die Mitfahrgelegenheiten unkompliziert und günstig. Die Fahrt von Schwerin bis ins westfälische Münster kostet uns nicht einmal 20 Euro pro Person.“ Hinzu kommt für ihn zudem der soziale Aspekt: „Man lernt die unterschiedlichsten Leute kennen. Ich hatte schon viel Spaß bei Mitfahrten und freue mich aufs nächste Mal. Es ist immer ein kleines Abenteuer!“
So funktioniert die Mitfahrt
Das Verfahren an sich ist unkompliziert. Wer eine Fahrt sucht oder als Fahrer anbieten möchte, schaut online bei den einschlägigen Mitfahrportalen rein und registriert sich einmalig, wenn ernsthaftes Interesse an einer bestimmten Fahrt besteht. Die Registrierung ist kostenlos. Nur wenn ein Mitfahrer eine Fahrt bucht, fällt der vom Fahrer festgelegte Fahrpreis an – zuzüglich einer Provision für die Betreiberfirma des Portals. Die größte Plattform ist blablacar.de, kleinere Portale wie clickapoint.com und Bessermitfahren.de sind teilweise sogar kostenlos, bieten aber wesentlich weniger Auswahl bei den Fahrten. Treffpunkt und Ausstiegspunkt werden vom Portal vorgeschlagen, können aber zwischen Fahrer und Mitfahrer individuell abgesprochen werden.
Oldtimer-Fahrt als besonderes Erlebnis
Anne und Tom treffen sich mit ihrem Fahrer Michael am Schweriner Bahnhof. Im Auto soll laut Reglement Platz für ein Gepäckstück pro Person sein. Außerdem legen die meisten Mitfahrer Wert darauf, dass der Mittelsitz auf der Rückbank frei bleibt, wegen der Bewegungsfreiheit. Dass sie diesmal mit einem Oldtimer unterwegs sind, erhöht den Reiz: „Das hatte ich noch nicht“, freut sich Tom. Ein Bewertungsportal auf der Website soll Vertrauen schaffen und Fahrern wie Mitfahrern ermöglichen, sich im Vorfeld zu informieren, mit wem sie zu tun bekommen. „Die Begegnungen sind bis auf wenige Ausnahmen positiv“, bilanziert Michael. „Schwierig wird es lediglich, wenn Menschen das Prinzip einer Mitfahrgelegenheit nicht begriffen haben“. Nach seiner Ansicht verwechseln manche den (bezahlten) Gefallen, den der Fahrer anbietet, mit einer Dienstleistung. Wobei es ihm nicht in erster Linie ums Geld geht: „Ich möchte aus ökologischen wie aus ökonomischen Gründen hauptsächlich vermeiden, dass ich die Strecke allein fahre. Und obendrein ist es sterbenslangweilig, so allein auf der Autobahn.“



