Takko-CEO Martino Pessina: „Am besten verkauft sich, was mir nicht gefällt“
Der Chef des Modediscounters Takko, Martino Pessina, spricht im Interview über Geschmacksfragen, Expansionspläne und die Herausforderungen des Discountsegments. Der gebürtige Italiener, der seit Januar 2024 an der Spitze des Unternehmens steht, hat seinen Weg von New York ins westfälische Telgte gefunden und arbeitet daran, das Image der Discountmode nachhaltig zu verändern.
Vom Big Apple ins Münsterland: Ein Kulturschock mit positiver Wendung
„Ja, natürlich war das ein kleiner Kulturschock“, gesteht Pessina den Wechsel von der pulsierenden Metropole New York in die beschauliche Region Telgte im Münsterland. „Man plant solche Veränderungen im Leben nicht einfach so. Aber hier ist es viel authentischer. Die Leute sind sehr herzlich, und ich habe mich schnell wohlgefühlt.“ Der 53-Jährige betont, dass trotz aller Unterschiede die menschliche Wärme in Westfalen ihn überzeugt habe.
Imagewandel: Vom Basic-Anbieter zum trendigen Modediscounter
Ein zentrales Anliegen des CEOs ist die Transformation des Takko-Images. „Das ist eine langfristige Aufgabe“, erklärt Pessina. „Man muss viele Dinge verbessern, bevor man Kunden überzeugen kann, dass wir uns wirklich verändert haben.“ Er verweist auf das aktuelle Sortiment, das neben Basics auch trendige Mainstream-Fashion umfasst. „Genau wie bei Lebensmitteln bedeutet Discounter nicht nur 'Rabatt um jeden Preis', sondern kann auch ein gutes Modeangebot sein.“
Qualität zu Discountpreisen: Die Balance zwischen Preis und Verantwortung
Die Kritik an extrem günstigen Preisen nimmt Pessina ernst. „Das ist die Kernfrage – und eine sehr wichtige“, betont er. Für verantwortungsvolle Produktion brauche es Zeit und langfristige Lieferantenbeziehungen, die bei Takko teilweise seit 10 bis 15 Jahren bestehen. „Es ist nicht schwierig, sehr günstige Artikel mit niedriger Qualität zu produzieren. Schwieriger ist, was wir versuchen: gute Qualität zu sehr günstigen Preisen.“ Der CEO betont, dass teure Artikel nicht automatisch nachhaltiger seien und dass Billig nicht zwangsläufig schlecht bedeute.
Datengesteuert statt gefühlsbasiert: Warum der CEO bei Trends zurückhaltend ist
Pessina lacht, wenn er über seine eigenen Modevorlieben spricht. „Wenn ich sage, das verkauft sich nicht, ist es meistens ein Topseller. Deshalb habe ich gelernt, meine Meinung für mich zu behalten.“ Statt auf individuelle Geschmacksurteile setzt Takko zunehmend auf datengetriebene Entscheidungen. „Zum Glück entscheidet nicht der CEO über Trends oder Bestseller“, so der Italiener, der in Mailand aufgewachsen ist und den Italienern ein ausgeprägtes Modebewusstsein nachsagt.
Expansionskurs: Warum Takko auf stationären Handel setzt
Während viele Händler auf Online-Expansion setzen, verfolgt Takko einen konträren Ansatz. „Unsere Kunden lieben die physische Shopping-Journey“, erklärt Pessina. Für viele gehöre Kleidung zu einem größeren Einkauf – erst Lebensmittel, dann Drogerie, dann Mode. „Wir sind Teil dieser Reise.“ Geplant ist die Eröffnung von rund 300 Filialen in den nächsten drei Jahren. Gleichzeitig entwickelt das Unternehmen sein Online-Geschäft weiter, allerdings im Tempo der Kundenbedürfnisse.
Konkurrenz aus China: Shein und Temu als Herausforderer
Die Billighersteller aus China analysiert Takko intensiv. „Unsere Analysen zeigen: Diese Wettbewerber kannibalisieren eher das mittlere Preissegment als das Discount-Segment“, so Pessina. Shein und Temu sprechen seiner Einschätzung nach ein jüngeres, stärker anlassbezogenes Publikum an, während Takko-Kunden Mode für den Alltag suchten. Zudem sei Takko stärker in suburbanen Regionen vertreten, die chinesischen Anbieter dagegen in Großstädten.
Preisdisziplin: Wo Takko Abstriche macht
Um Preise niedrig zu halten, setzt das Unternehmen auf gezielte Analysen und Disziplin. „Wir überdesignen nicht“, erklärt der CEO. Es gebe Details, die Designer lieben, die Kunden aber nicht wahrnehmen – und die Kosten verursachen. „Hier müssen wir diszipliniert sein.“ Zudem gehe es um Kostendisziplin im gesamten Unternehmen, von der Größe der Zentrale bis zu den Strukturen. „Nur so können wir ein gutes Sweatshirt für 12,99 Euro anbieten.“
Deutsche Modekultur: Kleiner Unterschied als erwartet
Mit seinem italienischen Blick auf die deutsche Modekultur stellt Pessina überraschende Gemeinsamkeiten fest. „Der Unterschied zwischen Mailand und Berlin ist kleiner als zwischen Mailand und einer kleinen italienischen Stadt“, so seine Beobachtung. Viele Bestseller in Deutschland seien auch in Italien erfolgreich. „So unterschiedlich ist es nicht.“
Optimistischer Blick auf die deutsche Wirtschaft
Abschließend äußert sich Pessina zur deutschen Wirtschaftslage: „Für mich ist Deutschland in Europa jedes Jahr Europameister – auch wenn es sich manchmal anfühlt wie Platz drei oder vier.“ Trotz Herausforderungen habe Deutschland immer noch die stärkste Wirtschaft in Europa. „Ich glaube, es geht viel um Psychologie. Vielleicht vereinfache ich es, aber ich wäre als Deutscher optimistischer.“



