Vom Plauer See auf die Weltmeere: Ein Aida-Offizier erzählt vom Leben an Bord
Dichter Nebel hängt über dem Cruise-Terminal in Kiel, Möwen kreischen von den Dächern. Am Morgen hat das Kreuzfahrtschiff Aida prima am Ostseekai festgemacht. Das Anlegemanöver hat Hendrik Heiser jedoch verschlafen – der Plauer war bereits seit 4 Uhr morgens im Wachdienst auf der Brücke. Als dritter Offizier bei Aida Cruises verbringt er die Wintermonate nicht im Urlaub, sondern im Dienst auf hoher See.
Vom Traum-Piloten zum Seefahrer
„Eigentlich bin ich nur zufällig auf die Seefahrt aufmerksam geworden“, erzählt der gebürtige Hesse. „Ich wollte ursprünglich Pilot werden, aber meine Augen waren zu schlecht.“ Nach dem Abitur bewarb er sich bei Aida Cruises und studierte Nautik und Seeverkehr in Warnemünde. Seine Karriere begann 2018 auf der Aida blu, die ihn von der Adria bis nach Mauritius führte. Später erkundete er auf der Aida perla die Karibik und Nordeuropa, auf der Aida luna entdeckte er spektakuläre Ziele wie Island, Spitzbergen und das Nordkap.
24-Stunden-Betrieb auf der Brücke
„Meine letzte Schicht war um 4 Uhr früh zu Ende“, sagt Heiser. „Dann kommt die Ablösung aus der nächsten Schicht. Ich lege mich dann ins Bett und schlafe ein paar Stunden, bevor es spätestens um 10.45 Uhr weitergeht.“ Die Brücke muss rund um die Uhr besetzt sein – das bedeutet nicht nur vierstündige Wachdienste, sondern auch Drills, Besprechungen und unvorhergesehene Aufgaben. Besonders in den frühen Morgenstunden zwischen 4 und 8 Uhr fallen häufig die Anlegemanöver in den verschiedenen Häfen in sein Aufgabengebiet.
4000 Passagiere, Treibstoff und Müllentsorgung
Im Kieler Hafen steht an diesem Tag einiges auf dem Programm: 4000 Passagiere reisen ab, 4000 neue kommen an Bord. Zusätzlich wird Treibstoff gebunkert, mehrere Lastwagen bringen Lebensmittel. „Die Ladung all dieser Lastwagen dort muss heute aufs Schiff gebracht werden“, erklärt der Offizier und deutet auf eine Kolonne aus etwa 15 Fahrzeugen. „Außerdem müssen wir Abwasser und Grauwasser abgeben und Frischwasser auffüllen. Auch der Müll, der sich auf der letzten Reise angesammelt hat, wird entsorgt.“
Bei der Müllentsorgung erinnert sich Heiser an eine besondere Begebenheit: „Wir haben auf den Schiffen unsere vier Maskottchen – bei Aida heißen sie Clubbies – und für jeden ein Kostüm. Das von Alwine war mal so kaputt, dass wir es entsorgen mussten. Kinder, die mit ihren Eltern auf dem Schiff waren, haben es im offenen Müllcontainer gesehen und bitterlich geweint. Das den Kleinen zu erklären, war nicht unbedingt einfach.“
Unvorhergesehene Herausforderungen und kurioses Feedback
Das Wetter zwingt die Crew häufig zu Umplanungen. „Es gibt Häfen, die wir eigentlich nicht mehr anfahren wollen. Manchmal zwingt uns das Wetter aber dazu“, so Heiser. Dazu gehört unter anderem ein Hafen in Polen, wo Kreuzfahrtschiffe direkt neben einem Industriehafen liegen, in dem Kohle verladen wird. „Das bedeutet immer viel Schmutz und unkonventionelle Lösungen.“ Um Kohlestaub von den Schuhsohlen fernzuhalten, legte die Crew Handtücher an Deck aus.
Im Kontakt mit Passagieren erlebt der Offizier immer wieder kurze Momente, „mit denen ich ein Buch füllen könnte“. „Eine meiner Lieblingsfragen ist, wenn Passagiere wissen wollen, ob wir auch auf dem Schiff schlafen. Die Frage ist schon schräg. Denn: Wo sollen wir hin?“, sagt er schmunzelnd. Auch technische Pannen sorgen für Heiterkeit: Wenn Passagiere zu heiß duschen und die Tür offen lassen, löst der Dampf oft Rauchmelder aus. „Wir bekommen dann einen Alarm auf der Brücke. Ein Fahrgast nahm den Telefonhörer ab und meinte ganz entspannt: ‚Ich glaube, bei mir piepst’s.‘ Im Hintergrund rief seine Frau: ‚Das stimmt, bei dir piepst’s wirklich!‘“
Zwischen Sommer auf dem Plauer See und Winter auf hoher See
Während des Sommers arbeitet Heiser auf dem Plauer See als Schiffsführer in Ausbildung. Sein Ziel ist es, in diesem Jahr das Kapitänspatent für Binnenschifffahrt zu erlangen. Im Winter ruhen die Fahrgastschiffe – dann ist er wieder auf einem Schiff der Kussmundflotte unterwegs. Wenn Seetage anstehen, nimmt sich der Offizier bewusst Zeit, von der Brücke aufs offene Meer zu schauen. „Das ist wunderschön. Besonders wenn die Sonne aufgeht“, schwärmt er. Dann denkt er an die Worte seines ehemaligen Lehrers: „Wenn du arbeitest, bezahlt dich niemand dafür, wenn du nur dem Fenster schaust.“



