Vom Plauer See auf die Weltmeere: Ein Aida-Offizier erzählt vom Kreuzfahrtalltag
Dichter Nebel hängt über dem Cruise-Terminal in Kiel, Möwen kreischen von den Dächern. Am Morgen hat das Kreuzfahrtschiff „Aida prima“ am Ostseekai festgemacht. Das Anlegemanöver hat Hendrik Heiser jedoch verschlafen. Der gebürtige Hesse, der in Plau am See lebt, ist bereits seit Mitte Dezember an Bord – nicht im Urlaub, sondern als dritter Offizier bei Aida Cruises. In der Nacht stand er zwischen 0 und 4 Uhr zum Wachdienst auf der Brücke, ein anspruchsvoller Job, der ständige Aufmerksamkeit erfordert.
Vom Traum des Piloten zur Leidenschaft für die Seefahrt
„Eigentlich bin ich nur zufällig auf die Seefahrt aufmerksam geworden“, erklärt Heiser. „Ich wollte ursprünglich Pilot werden, aber meine Augen waren zu schlecht.“ Also suchte er eine Alternative und bewarb sich nach dem Abitur bei Aida Cruises. Er studierte Nautik und Seeverkehr in Warnemünde, einem Fachbereich der Hochschule Wismar, und startete 2018 seine Karriere auf Kreuzfahrtschiffen. Auf der „Aida blu“ reiste er von der Adria bis nach Mauritius, später erkundete er auf der „Aida perla“ die Karibik und Nordeuropa. Spektakuläre Ziele wie Island, Spitzbergen und das Nordkap entdeckte er auf der „Aida luna“. Sein Wunsch, die Welt zu sehen, verbindet sich so mit seiner großen Leidenschaft für die Schifffahrt.
Intensive Schichten und der 24-Stunden-Betrieb auf der Brücke
„Meine letzte Schicht war um 4 Uhr früh zu Ende“, sagt Heiser und gähnt. „Dann kommt die Ablösung aus der nächsten Schicht. Ich lege mich dann ins Bett und schlafe ein paar Stunden, bevor es spätestens um 10.45 Uhr weitergeht.“ Die Brücke muss rund um die Uhr besetzt sein, was nicht nur Schichten, sondern auch Drills, Besprechungen und ungeplante Aufgaben umfasst. Im Kieler Hafen steht an diesem Tag einiges an: 4000 Passagiere reisen ab, 4000 neue kommen an Bord. Zusätzlich wird Treibstoff gebunkert, Lebensmittel geladen, Abwasser entsorgt und Frischwasser aufgefühlt. „Die Ladung all dieser Lastwagen dort muss heute aufs Schiff gebracht werden“, erklärt Heiser und deutet auf eine Kolonne aus etwa 15 Fahrzeugen.
Vielfältige Aufgaben und unerwartete Herausforderungen
Das Aufgabenfeld des Offiziers ist umfangreicher, als viele denken. „Wir haben hier keinen klassischen Nine-to-five-Job“, betont Heiser. Neben den Schichten gehören Übergaben und regelmäßige Drills dazu, wie etwa Evakuierungsübungen für das Theatrium. Auf der Brücke fallen in der Schicht von 4 bis 8 Uhr häufig Anlegemanöver in Häfen an, während zwischen 0 und 4 Uhr meist Ruhe herrscht. Doch immer wieder müssen die Offiziere auf Unvorhergesehenes reagieren, etwa wenn Häfen wegen Wind oder Eis nicht angefahren werden können. „Zuletzt ist uns das häufiger passiert“, so Heiser. Das Wetter zwingt manchmal zu Umplanungen, etwa in einem polnischen Hafen neben einem Kohlehafen, wo Kohlestaub und unkonventionelle Lösungen Alltag sind.
Kuriositäten und menschliche Momente an Bord
An Bord erlebt Heiser immer wieder Momente, „mit denen ich ein Buch füllen könnte“. Oft im Kontakt mit Passagieren, die Beschwerden an der Rezeption einreichen, die dann an die Brücke weitergegeben werden. „Trotzdem kann es auch passieren, dass wir über die ein oder andere Beschwerde eher schmunzeln müssen“, sagt der 27-Jährige. Eine seiner Lieblingsfragen ist, ob die Crew auch auf dem Schiff schläft. „Die Frage ist schon schräg. Denn: Wo sollen wir hin?“ Manchmal lösen auch alltägliche Situationen Alarm aus, wie wenn Passagiere zu heiß duschen und der Rauchmelder in der Kabine anschlägt. „Bei solchen Sprüchen müssen wir dann schon auch lachen“, erzählt Heiser mit einem Schmunzeln.
Die Schönheit des Meeres und die Balance zur Arbeit
Wenn Seetage anstehen, nimmt sich Heiser bewusst Zeit, von der Brücke aufs offene Meer zu schauen. „Das ist wunderschön. Besonders wenn die Sonne aufgeht“, schwärmt er. Dann denkt er an die Worte seines ehemaligen Lehrers: „Wenn du arbeitest, bezahlt dich niemand dafür, wenn du nur dem Fenster schaust.“ Doch für Heiser ist dieser Blick ein wichtiger Ausgleich zu den anspruchsvollen Pflichten an Bord. Im Sommer arbeitet er auf dem Plauer See als Schiffsführer in Ausbildung, mit dem Ziel, das Kapitänspatent für Binnenschifffahrt zu erlangen. So verbindet er seine Leidenschaft für die Schifffahrt mit dem Wunsch, stets neue Horizonte zu erkunden.



