Radabenteuer von Wismar zur Insel Poel: Vampire, Geisterschiffe und Ostseestrände
Fahrradtour von Wismar zur Insel Poel: Natur und Geschichte

Eine unvergessliche Radtour durch Mecklenburgs Küstenlandschaft

Die Kombination aus Ostsee, Inseln und Backsteingotik weckt bei vielen sofort Assoziationen mit Vorpommern, Stralsund und Rügen. Doch Mecklenburg bietet mit der Hansestadt Wismar und der Insel Poel ein ebenso reizvolles Pendant. Eine Fahrradtour zwischen diesen beiden Zielen vereint städtisches Flair, ländliche Idylle und Stranderlebnisse auf einzigartige Weise und beschert überraschende Begegnungen mit einem Vampir und einem Geisterschiff.

Wismar: Weltkulturerbe mit hanseatischem Charme

Wismar mit seiner zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörenden Altstadt erfreut sich bei Besuchern großer Beliebtheit. Die Stadt dient als idealer Ausgangspunkt für Radtouren in die Umgebung, insbesondere zur Insel Poel. Die Tour ist gut zu bewältigen, sofern nicht allzu starker Wind von der Ostsee landeinwärts weht. Da es sich nicht um einen Rundkurs, sondern um Hin- und Rückfahrt handelt, stellt sich zunächst die Frage nach dem Startpunkt.

Je nach Anreise mit Zug oder Auto bietet sich der Bahnhof oder die nahegelegenen Parkplätze in der Stockholmer Straße an, wo die Tageskarte in der Hauptsaison vier Euro kostet. Wer einen Strandtag plant, sollte direkt die Poeler Straße ansteuern. Andernfalls könnte am Ende Zeitnot drohen, denn in Wismar lauert echte Trödelgefahr. Die Altstadt ist einfach perfekt zum Bummeln geeignet. Glücklich, wer sich diesem Vergnügen hingeben kann! Am besten schließt man das Fahrrad kurz an und erkundet die Stadt zu Fuß – der Fußgängerzone und dem Kopfsteinpflaster zuliebe.

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Architektonische Highlights und historische Spuren

Eine vollständige Liste der Sehenswürdigkeiten würde den Rahmen sprengen, daher muss eine Auswahl genügen. Ganz oben stehen die imposanten Backsteinkirchen Sankt Georgen, Sankt Nikolai und der erhaltene Turm von Sankt Marien. Sie zeugen von der glorreichen Geschichte der Hansestadt Wismar, die 2002 gemeinsam mit Stralsund zum Weltkulturerbe erklärt wurde – als Idealbild der Hansezeit.

Bürgerhäuser säumen die Straßen und präsentieren Giebel und Portale, die um den Titel des Schönsten wetteifern. Ein viergeschossiges Jugendstilhaus in der Lübschen Straße markiert den Stammsitz der Warenhauskette Karstadt. Hier hatte Rudolph Karstadt 1881 seinen ersten Mitarbeiter eingestellt und seinen Aufstieg begonnen.

Der Marktplatz zählt zu den größten Norddeutschlands, gekrönt von der Wasserkunst im Stil der holländischen Renaissance, die fast 300 Jahre lang die Trinkwasserversorgung sicherte. Das Gasthaus „Alter Schwede“, ein backsteinernes Schmuckstück, erinnert an Wismars Zeit unter schwedischer Herrschaft von 1648 bis 1803. Durch die Stadt zieht sich einer der ältesten künstlichen Wasserläufe Deutschlands, die Grube. Vor dem Wassertor, dem letzten von einst fünf Stadteingängen, liegt der Alte Hafen mit Speichern und Fachwerkhäusern.

Kulturelle Besonderheiten und kulinarische Entdeckungen

Wer den Boden im Blick behält, kann am Markt oder Hafen Hinweise auf einen Vampir entdecken. Nosferatu, der Fürst der Finsternis aus den Karpaten, hatte einst mit einem Schiff voller Ratten im Hafen festgemacht, die Pest im Gepäck. So erzählte es Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau 1921 in „Nosferatu – eine Symphonie des Grauens“ über Wismar alias Wisborg. Dieser Stummfilm, der erste Horrorfilm im deutschen Kino, begründet Wismars Stolz auf imposante Drehorte.

Für Fahrradbegeisterte lohnt sich ein Abstecher zum Spiegelberg 1A. Schon die preisgekrönte Fassade des Hauses ist sehenswert, und noch mehr das Schaufenster von Café 180 mit Fahrrädern der Berliner Manufaktur Schindelhauer. Der Hausherr ist der einzige Premiumhändler nördlich der Hauptstadt und gibt Besuchern nicht nur ausführliche Auskünfte über die edlen Gefährte, sondern auch die Möglichkeit zur Probefahrt.

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Auf dem Radweg Richtung Insel Poel

Dann aber schnell vom Träumen zum Handeln und ab in den eigenen Sattel! Die Route führt über die Poeler Straße Richtung Insel. Eilige Radfahrer bleiben am ersten Kreisverkehr auf Geradeaus-Kurs und nehmen den Hohen Damm zum Ortsteil Redentin. Wer sich stattdessen rechts hält, gelangt auf einen kleinen Umweg zur Straße Am Haffeld, von der nach etwa 250 Metern rechts ein Radweg abzweigt. Beim Blick auf die Wismarer Bucht fällt ein Geisterschiff auf: das Betonschiff von Redentin. 1944 in einer Serie von 50 Frachtmotorbooten gebaut, gehörte es zur „Transportflotte Speer“. Es lief auf Grund und blieb liegen.

Ab Redentin verläuft der asphaltierte Radweg parallel zur Landstraße 11 nordwärts. Im Sommer herrscht mitunter dichter Verkehr, doch Radfahrer ziehen mit Vergnügen vorbei. Ein Aussichtspunkt auf halber Strecke nach Groß Strömkendorf gewährt den Blick auf die Küste und die Silhouette von Wismar. Die dominante Werfthalle – 385 Meter lang und 72 Meter hoch – gehört zu den bundesweit größten Trockendocks.

Ankunft auf der Insel Poel

In Groß Strömkendorf bitte links abbiegen! In den flachen Niederungen, geschmückt mit Pferden und Wasserläufen, fällt die schmale Brücke, die Festland und Insel trennt, kaum auf. Der Wasserlauf wird Breitling genannt, wirkt an dieser Stelle aber eher wie ein Schmalhans. Der erste Eindruck von Fährdorf auf Poel ist ein belebter Parkplatz. Viele Tagesausflügler nutzen ihn, um dort vom Auto aufs Fahrrad umzusteigen. Für eine Stärkung empfiehlt sich der „Happen Poel“. Der möglicherweise kleinste Imbisswagen des Nordens erweist sich auf Nachfrage als maßgeschneiderte Garküche aus Asien.

Ein Platzwunder, das sich Melanie Rost und Tobias Hassels eigens so bauen und ausstatten ließen. Auf dreieinhalb Quadratmetern meistern sie Fleischgrill, Fischpfanne und die Zubereitung veganer Kost – fein säuberlich voneinander getrennt, tagesfrisch und aus regionalen Zutaten. Vor einigen Jahren sind die beiden Berliner nach Poel gezogen. Im Winter stellen sie Senf und Pesto her, den Sommer verbringen sie in ihrer mobilen Küche.

Landmarken und historische Tragödien

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite steht eines der ältesten Häuser der Insel direkt am Wasser, ein reetgedeckter Fischerkaten von 1792. Krimifreunden könnte der Ort bekannt vorkommen: Haus und Garten dienten bereits als Kulisse in der ZDF-Serie „Soko Wismar“. Nächstes Etappenziel ist Kirchdorf. Die namensgebende Kirche ist mit ihrem 47 Meter hohen Turm Poels weithin sichtbare Landmarke.

Im Vergleich zu Rügen oder Usedom geht es auf Poel beschaulich zu, ländlich. Statt nobler Bäderarchitektur prägen Dörfer, Bauernhöfe und Ferienhäuser mit Reetdächern das Bild. An Freizeitangeboten mangelt es dennoch nicht: Inselmuseum, Boots-, Angel- und Reittouren, Figurentheater, Führungen zur Vogelinsel Langenwerder. Die Kurabgabe beträgt von Mai bis September zwei Euro pro Tag, in der Nebensaison die Hälfte.

Über Weitendorf und Wangen gelangt der Radfahrer nach Timmendorf und Timmendorf Strand. Achtung! Die fehlende Endung unterscheidet den Ort auf Poel von Timmendorfer Strand bei Lübeck. Schilder weisen zum Schwarzen Busch. Auf diesem Abschnitt ist Vorsicht geboten: Der beschilderte Radweg verläuft in Wassernähe, wo urplötzlich knöcheltiefer Zuckersand auf etwa 300 Metern zum Schieben zwingt. Wer sich das ersparen möchte, folgt von Timmendorf Strand dem Weg nach Neuhof und biegt erst kurz vorm Ortsschild links nach Schwarzer Busch ab. Dort liegt schöner Strand vor und eine kleine Promenade hinter der Düne.

Gedenkstätte und Rückfahrt

An der Hauptstraße zurück nach Kirchdorf fällt ein Gedenkstein auf. Er erinnert an eine Tragödie aus den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs. Häftlinge aus Konzentrationslagern waren in Lübeck auf Schiffe getrieben worden, die vor der Küste ankerten, darunter der vormalige Luxusdampfer „Cap Arcona“. Am 3. Mai 1945 wurde das Schiff bei britischen Luftangriffen in Brand geschossen. Die meisten der fast 5000 Menschen an Bord starben. Hunderte wurden auf Poel angespült und auf dem Inselfriedhof bestattet. Zu den rund 400 Überlebenden gehörte Erwin Geschonneck (1906 bis 2008), der als Schauspieler in der DDR berühmt wurde.

Der Rückweg vergeht im Handumdrehen. Wismar ist schon von Weitem zu sehen und motiviert zum Endspurt. Beeilen müssen sich nun natürlich all jene, die zu Beginn des Tages auf den Stadtbummel verzichtet hatten. Definitiv niemand sollte Wismar verlassen, ohne sich gründlich umgesehen zu haben.

Praktische Informationen für die Tour

Schwierigkeit: Eher einfach, aber der Wind kann eine Herausforderung darstellen.

Dauer: Je nach Tempo und Stopps einen halben bis ganzen Tag.

Highlights: Hansestadt-Flair, Ostseestrände, Leuchtturm, Naturschutzgebiete, historische Spuren.

Verbindung: Die Insel ist über einen Damm mit dem Festland verbunden.