Turners Rheinreise: Wie die Romantik das Mittelrheintal prägte und heute erlebbar ist
Turners Rheinreise: Romantik im Mittelrheintal erleben

Turners Rheinreise: Wie die Romantik das Mittelrheintal prägte und heute erlebbar ist

Im Jahr 1817 begab sich der britische Romantiker William Turner auf eine Reise, die das Bild des Mittelrheintals für immer verändern sollte. Mit Schiff und Postkutsche reiste er von London nach Köln und folgte dann der linksrheinischen Straße, die auf Napoleon zurückgeht. Seine Stationen zwischen Koblenz und Bingen wurden zu Keimzellen einer schwärmerischen Sichtweise, die als Rheinromantik in die Geschichte einging.

Die Geburt einer Legende durch künstlerische Verklärung

Turner, bereits ein arrivierter Maler, hielt unterwegs den Fluss mit seinen Inseln, Booten und Bewohnern ebenso fest wie die mit Burgen und Festungen bebauten Steilhänge. Laut Turner-Experte Armin Thommes faszinierte den Künstler vor allem das Ungestüme und Ursprüngliche der Landschaft. Dabei habe Turner die gängige Vorstellung vom Rheintal nicht nur bedient, sondern dramatisch überhöht, wo immer sich das anbot.

„Turner hat gerne Blickpunkte so kombiniert, dass seine Bilder nicht nur interessanter, sondern auch harmonischer wurden“, erklärt Thommes. Bei ihm seien das Tal enger, die Weinberge steiler und die Zahl der markanten Bauwerke größer als in der Realität geraten. Diese künstlerische Verklärung siegte oft über die Realität und definierte optisch, wie wir die Rheinromantik heute kennen.

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Vom Archiv zur Wanderroute: Turners Spuren werden kartographiert

Thommes, selbst ein Verfechter des Rheinmythos, begann 2005 mit der Forschung zu Turners Œuvre im Mittelrheintal. Er katalogisierte 51 Aquarelle, die auf 26 Standorte zurückgehen. Aus dieser Arbeit entstand die Idee, aus Turners Reise eine Wanderroute zu machen. 2017 setzte der Zweckverband Welterbe Oberes Mittelrheintal den Vorschlag um.

Seitdem werden an den Standorten nach und nach Bronzeplaketten mit einem Durchmesser von einem Meter in den Boden eingelassen. Besucher sind eingeladen, sprichwörtlich in Turners Fußstapfen zu treten. Über QR-Codes können sie Details zu den jeweiligen Orten und Turners Werken abrufen. Allerdings sind die Plaketten kostspielig, sodass sie bisher nicht überall realisiert werden konnten, wie etwa am Loreley-Blick in Oberwesel.

Moderne Infrastruktur und klassischer Tourismus im Einklang

Das Mittelrheintal bietet heute eine vielseitige Mischung aus traditionellen und modernen Elementen. Die Festung Ehrenbreitstein bei Koblenz ist seit der Bundesgartenschau 2010 per Seilbahn leicht erreichbar und bietet spektakuläre Panoramablicke. In Koblenz selbst steht das Forum Confluentes, ein architektonisch kühnes Kulturzentrum, das das Mittelrhein-Museum beherbergt und die Feinheiten der Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts präsentiert.

Weiter flussaufwärts symbolisiert der Anleger der Rheinschiffahrts-Gesellschaft Köln-Düsseldorfer in St. Goar den klassischen Mittelrheintourismus. Die schneeweißen Schiffe passieren Burg Katz und den Loreleyfelsen, beides Motive, die Turner besonders faszinierte. Für Wanderer bietet der Rheinburgenweg alternative Perspektiven, etwa auf dem Höhenrücken zwischen Oberwesel und St. Goar oder am Langhalsweg bei Osterspai, der 2024 zu Deutschlands schönstem Wanderweg gekürt wurde.

Impulse für den Tourismus und kulinarische Hommagen

Der langsam anlaufende Turner-Tourismus wird von lokalen Akteuren wie Andreas Stüber, Inhaber des „Rheinhotels“ in Bacharach, begrüßt. Er betont, dass zu viel am traditionellen Schiffsverkehr hänge, der kaum Übernachtungsgäste bringe. Die Modernisierung der touristischen Infrastruktur komme daher nur schwer in Gang.

In „Stübers Restaurant“ heißt Stüber seine Gäste mit einem Vesper-Teller namens „William Turner“ willkommen, der „Leckeres vom Mittelrhein“ vereint. Diese kulinarische Hommage dient als gute Grundlage für weitere Etappen, etwa nach Bingen, wo mit dem Mäuseturm und der Burg Ehrenfels weitere Ikonen der Rheinromantik warten.

Ein Welterbe mit literarischem und künstlerischem Erbe

Das Obere Mittelrheintal, seit 2002 Unesco-Welterbe, wurde nicht nur von Turner geprägt, sondern auch von Schriftstellern wie Victor Hugo, Clemens Brentano und Heinrich Heine, dessen Gedicht „Die Loreley“ aus dem Jahr 1824 stammt. Brentano schuf mit seiner Ballade „Lore Lay“ schon um die Jahrhundertwende eine literarische Vorlage, die Bacharach erwähnt.

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Die Kombination aus Wanderungen, Bahn, Seilbahn, Fähren und Bootstouren macht eine Reise durch das Mittelrheintal zu einer melancholischen Zeitreise. Sie erlaubt es, den schwärmerisch-verträumten Blick nachzuvollziehen, den Turner und seine Zeitgenossen auf den Fluss hatten – ein Erbe, das bis heute fortlebt und Besucher in seinen Bann zieht.