Eberswalder Würstchen: Traditionsmarke verlässt Brandenburg nach fast 50 Jahren
Eberswalder Würstchen: Traditionsmarke verlässt Brandenburg

Eberswalder Würstchen: Das Ende einer Ära in Brandenburg

Seit den späten 1970er Jahren prägen die Eberswalder Würstchen Tradition und Geschmack in der Region und darüber hinaus. Die beliebten Salamispezialitäten, die regelmäßig auf der Grünen Woche in der Brandenburg-Halle präsentiert werden, gehören fest zu festlichen Tafeln an Weihnachten und Silvester. Doch nach fast fünf Jahrzehnten endet nun die Produktion am ursprünglichen Standort.

Von DDR-Renner zur Insolvenz und Rettung

In Eberswalde-Britz produziert man seit DDR-Zeiten die charakteristischen Würstchen. Das Unternehmen EWG Eberswalder Wurst GmbH und EFG Eberswalder Fleisch GmbH blickt auf eine bewegte Vergangenheit zurück. Die Fleisch- und Wurstproduktion begann 1977 mit der Gründung des „Schlacht- und Verarbeitungskombinats Eberswalde (SVKE)“. In den 1980er Jahren entwickelte sich die Anlage zum größten Fleischverarbeitungsbetrieb Europas.

Auf dem 65 Hektar großen Gelände arbeiteten damals 3000 Mitarbeiter, die aus der gesamten DDR angeworben wurden. Das Betriebsgelände bot den Beschäftigten umfassende Einrichtungen wie eine eigene Poliklinik, einen Friseur, eine Gaststätte und sogar eine Bibliothek, was die Arbeitsbedingungen besonders attraktiv machte. Eine Schweinemast- und Zuchtanlage in Lichterfelde sicherte die kontinuierliche Fleischversorgung.

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Wendezeit und Neuanfang

Nach der politischen Wende änderte sich vieles: Ab 1991 wurden Teilbereiche des Betriebs geschlossen, und die Mitarbeiterzahl sank drastisch. Im Jahr 2000 meldete das Unternehmen Insolvenz an. Doch eine Rettung gelang 2002, als der Betrieb unter neuem Namen weitergeführt wurde. Die MBU Märkische Beteiligungs- und Unternehmensverwaltungs GmbH übernahm unter der Leitung von Eckhard Krone die Geschäfte und sanierte das Unternehmen erfolgreich.

Bis vor kurzem zählte die Firma zu den größten Herstellern von Fleisch- und Wurstwaren in Brandenburg und spielte eine wichtige Rolle in der Ernährungsindustrie der Region Berlin-Brandenburg. Die rund 550 Mitarbeiter der Eberswalder-Gruppe produzierten jährlich mehr als 300 Millionen Würstchen und erwirtschafteten einen Umsatz von etwa 120 Millionen Euro.

„Alle Würste, die wir im Jahr produzieren, würden einmal um den Globus passen“, betonte Sebastian Kühn von der Geschäftsführung. „Jede Woche werden 250.000 Kilogramm Würste, Aufschnitt und Salami produziert“, machte er die Dimensionen deutlich.

Markenbekanntheit und Kundenbindung

Die Marke Eberswalder genießt besonders in Berlin und Brandenburg große Bekanntheit. Das Unternehmen bietet ein vielfältiges Sortiment an und verkauft neben Bratwürsten ohne Darm auch Spezialitäten wie die Original Schorfheider Knüppelsalami. Kunden können die Produkte deutschlandweit erwerben, wobei der Schwerpunkt klar auf dem Osten des Landes liegt. Als offizieller Wurstlieferant beliefert die Marke den 1. FC Union Berlin und die UBER Arena.

Die Rezeptur hat sich im Vergleich zur DDR-Produktion zwar leicht verändert, doch das Unternehmen verfolgte stets den Anspruch, so nah wie möglich am Original zu produzieren.

Übernahme und unvermeidliche Schließung

Am 1. Juni 2023 eröffnete sich ein neues Kapitel in der Unternehmensgeschichte, als die Zur-Mühlen-Gruppe, eine Tochter der Tönnies Holding und führendes Unternehmen in der europäischen Fleisch- und Wurstbranche, das Unternehmen übernahm. Die Eberswalder Gruppe betonte damals, dass sie den Standort in Britz weiterhin operativ betreiben und alle Arbeitsplätze erhalten wolle.

Doch nach fast 50 Jahren ist für die traditionsreiche Wurstfabrik im brandenburgischen Britz bei Eberswalde nordöstlich von Berlin nun endgültig Schluss. Ende Februar 2026 endet die Produktion am angestammten Standort. Die Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten NGG kritisierte scharf, dass über 500 Menschen auf die Straße gesetzt würden und eine jahrzehntelange ostdeutsche Tradition sang- und klanglos abgewickelt werde.

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Proteste und neue Produktionsstandorte

Hunderte Menschen haben gegen die Schließung des Wurstwerks in Britz protestiert, doch die Entscheidung steht fest. Das Unternehmen, das zur Zur-Mühlen-Gruppe und damit zum Fleischriesen Tönnies aus Nordrhein-Westfalen gehört, schließt zwar die Wurstfabrik in Brandenburg. Die Marke „Eberswalder“ will es jedoch nicht aufgeben, sondern an anderen Standorten in Ostdeutschland produzieren.

„Es gibt hunderttausende Kunden, die die haben wollen“, erklärt ein Unternehmenssprecher die Entscheidung, die Marke weiterzuführen. Ein Sprecher des Wurstherstellers kündigte an, dass die Marke künftig an ostdeutschen Standorten in Chemnitz, Suhl und Zerbst hergestellt werde. Das Rezept, das entscheidend für den charakteristischen Geschmack sei, bleibe unverändert. Ein Großteil der Rohstoffe wie das Schweinefleisch würden weiterhin ostdeutsche Rohstoffe sein.

Wirtschaftliche Gründe und Kritik

Zur Begründung der Werksschließung teilte das Unternehmen im Januar 2026 mit: „Leider mussten wir feststellen, dass es unter den gegebenen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen keine realistische Perspektive gibt.“ Die Gewerkschaft NGG warf der dahinter stehenden Tönnies Gruppe – die als Premium Food Group firmiert – vor, eine „rücksichtslose Rendite- und Marktbereinigungspolitik“ zu betreiben. Der deutsche Fleischmarkt wird bekanntlich von wenigen großen Unternehmen geprägt.

Die Frage bleibt: Wird der Name „Eberswalder“ nur als Worthülle bleiben, ohne die regionale Verbindung zum ursprünglichen Produktionsort? Während die Marke weiter existieren wird, geht mit der Schließung des Werks in Britz ein Stück ostdeutscher Industriegeschichte und regionaler Identität verloren. Die Tradition der Eberswalder Würstchen wird fortan an anderen Orten in Ostdeutschland weitergeführt, doch die enge Bindung an die brandenburgische Heimat ist damit Geschichte.