Nordkurier-Chef: „Wir stemmen uns gegen das Verschwinden der gedruckten Zeitung“
Nordkurier-Chef: Kampf gegen das Zeitungssterben

Interview mit Lutz Schumacher: „Wir stemmen uns gegen das Verschwinden der gedruckten Zeitung“

Die Nordkurier Mediengruppe plant, ihre gedruckten Tageszeitungen künftig am Vorabend zuzustellen. Geschäftsführer Lutz Schumacher nennt im Interview die Gründe – und große Vorteile für Leser.

Ravensburg/Neubrandenburg – Die Nordkurier Mediengruppe hat Großes vor in der Logistik-Branche. Geschäftsführer Lutz Schumacher erklärt in diesem Interview, was das mit den Zeitungen der Gruppe – darunter neben dem Nordkurier und der Schweriner Volkszeitung auch die Schwäbische Zeitung und der Zollern Alb Kurier – zu tun hat. Außerdem spricht er über Kostenfallen und warum er gegen den Branchentrend die gedruckte Zeitung eisern verteidigen will.

Herr Schumacher, Sie stellen die Lieferung der gedruckten Zeitungen auf Vorabendzustellung um. Warum?

Wir wollen, dass es auch in zehn Jahren noch gedruckte Zeitungen gibt. Das ist aber eine große Herausforderung. Denn die Zustellung ist sehr, sehr teuer geworden und wird auch weiter teurer werden, allein schon durch die Erhöhung des Mindestlohns. Außerdem werden es tendenziell immer weniger Zeitungen, die zugestellt werden, denn Leser, die wir neu gewinnen, lesen eher digital.

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Das ist ein Sonderweg, den andere große Zeitungshäuser in Deutschland nicht beschreiten. Warum gehen Sie ihn mit der Nordkurier Mediengruppe?

Überall in Deutschland stehen die Zeitungsverlage vor der Situation, dass die Zustellung der gedruckten Ausgabe so teuer wird, dass man es eigentlich nicht mehr wirtschaftlich machen kann. Viele Verlage, vor allem im ländlichen Raum, haben angefangen die Zeitungen nicht mehr zuzustellen oder nur noch an einigen Tagen. Dagegen stemmen wir uns. Verlage, die diesen Weg nicht gehen, werden sich mit ihren Leserinnen und Lesern auseinandersetzen müssen, wenn es plötzlich heißt: Ja, in diesem Landkreis und in diesem Ort erscheint die Zeitung nur noch digital. Ob morgens oder abends – es braucht Zusteller, um gedruckte Zeitungen auszuliefern.

Inwiefern wird das wirtschaftlich, bloß weil die Zeitungen der Nordkurier Mediengruppe schon am Vorabend in den Briefkästen landen?

Wir nehmen unser Logistiknetz, unsere Zustellerinnen und Zusteller und stellen viele andere Produkte auch zu. Pakete, Lebensmittel, Medikamente, Briefe und nehmen die Zeitung auf diesem Weg mit. Dadurch wird deren Zustellung vergleichsweise günstig. Damit können wir sie noch viele Jahre garantieren.

Warum geht das nicht zu den gewohnten Lieferzeiten am Morgen?

Viele Produkte, die wir zustellen müssen, die stehen morgens oder nachts nicht zur Verfügung. Wir werden in Zukunft die Region mit Lebensmitteln und mit Medikamenten versorgen, die Zusteller können bei den Empfängern aber nicht um vier Uhr morgens klingeln. Pakete stehen sowieso nicht morgens zur Verfügung. Daher reden wir über späte Nachmittagsstunden oder den frühen Abend. Außerdem wird es immer schwieriger, Zusteller für den frühen Morgen zu gewinnen. Auch dieses Problem lösen wir auf unserem Weg zuverlässig.

Hat die Nordkurier Mediengruppe bereits ausreichend Kunden jenseits des Zeitungsgeschäfts, die ihr Logistik-Angebot nutzen?

Hermes gehört zu den Kunden, die mit unserer Hilfe ihre Zustellung am Abend sicherstellen wollen. Mit zahlreichen potenziellen Kunden sind wir intensiv im Gespräch.

Bedeutet das, die Nordkurier Mediengruppe wird in erster Linie zu einem Logistikunternehmen?

Für den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens ist es wichtig, dass wir unser Angebot diversifizieren. Also neue Kunden für zusätzliche Geschäftsfelder gewinnen, darum geht es. Die übergeordneten Ziele für unser publizistisches Geschäft bleiben aber oben auf der Prioritätenliste: Wachstum mit unseren digitalen Produkten und eine Zustellung der gedruckten Produkte, die zugleich leserfreundlich und für das Unternehmen wirtschaftlich ist.

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Was macht Sie zuversichtlich, dass die Leserinnen und Leser diesen Weg mitgehen?

Wir testen diese Umstellung seit geraumer Zeit, etwa in der Uckermark und in der Müritz-Region und auch bei der Schwäbischen Zeitung in Baden-Württemberg. Dort sehen wir in den Tests, dass die Menschen diese Veränderung annehmen. Klar, man muss darüber reden, muss es erklären, aber dann wird das gut angenommen. Da es an den Testorten funktioniert, gehen wir davon, dass es überall funktionieren wird. Und wie gesagt, die Alternative wäre, dass die gedruckte Zeitung nach und nach verschwindet aus dem ländlichen Raum.

Wann wollen Sie mit der Umstellung durch sein?

Ich gehe davon aus, dass wir dieses Projekt noch im Lauf dieses Jahres erfolgreich abschließen werden.

Welchen unmittelbaren Nutzen haben die Leserinnen und Leser?

Die Zahl der Ausgaben – das unterscheidet unsere Zeitungen von vielen anderen – wird nicht weniger, im Gegenteil. Wir gehen von sechs auf sieben Ausgaben pro Woche. Die gedruckte Ausgabe erscheint nicht mehr von Montag bis Samstag, sondern von Dienstag bis Sonntag. Und die digitale Zeitung erscheint an allen sieben Tagen der Woche. Außerdem wird die Zuverlässigkeit der Zustellung wieder steigen.

Nun ist Tageszeitung ein aktualitätsgetriebenes Medium. Was ändert sich dadurch für die Leser der gedruckten Ausgabe, wenn die Zeitung schon am Vorabend kommt?

Die Aktualität wird einen gewissen Einschnitt haben, weil wir etwas früher drucken müssen, um gesichert am Vorabend zuzustellen. Allerdings ist die gedruckte Zeitung in der Nachrichtenkette in den vergangenen 20 Jahren ohnehin nach hinten gerutscht. Das heißt, es ist nicht mehr ihr Anspruch, wirklich minutenaktuell zu sein. Dafür stehen digitale Medien zur Verfügung.

Was nützen diese digitalen Medien, was nützt die digitale Zeitung den Lesern, die ihre gedruckte Zeitung nicht missen wollen?

Schon vor drei Jahren haben wir eingeführt – das haben manche vielleicht noch gar nicht bemerkt – dass die Abonnenten der gedruckten Ausgabe auch die digitale Zeitung zur Verfügung gestellt bekommen. Wenn jemand nicht weiß, wie er sie nutzen kann, helfen wir auch dabei gern. In der gedruckten Zeitung stehen Telefonnummern, über die Tipps zugänglich sind. Fast täglich zeigen wir in Anzeigen Menschen samt Kontakten, die Lesern dabei helfen, die digitale Zeitung auszuprobieren und zu nutzen.

Über viele Jahre waren gedruckte und digitale Ausgabe identisch. Soll das so bleiben?

Nein, wir werden das so machen, dass Wesentliches, das nach Druckschluss passiert, immer im E-Paper abgebildet wird. Da geht keine Aktualität verloren. Die gedruckte Zeitung wird wahrscheinlich noch ein bisschen hintergründiger. Wir fokussieren noch mehr auf das Lokale, weil wir wissen, dass viele Menschen da große Bedürfnisse haben, und da können wir auch tatsächlich noch besser werden. Und das ist doch die große Stärke der Tageszeitung, dass sie irgendwann mal zu einem Zeitpunkt sagt: So, wir fassen jetzt den Stand der Dinge zusammen in Form gesicherter Informationen.