Der Rhein führt so wenig Wasser wie selten zuvor. Am Engpass bei Kaub in Rheinland-Pfalz wird der Fluss bis Freitag voraussichtlich nur noch 1,31 Meter tief sein – ein historischer Tiefstwert. Die Folge: Tanker und Frachtschiffe können ihre Ladung nicht mehr wie gewohnt transportieren. Die Transportkosten für Kraftstoff sind von 20 bis 25 Euro auf 150 Euro pro Tonne explodiert. Das könnte den Benzinpreis um rund 10 Cent pro Liter verteuern, warnt der Zentralverband des Tankstellengewerbes (ZTG).
Pegel bei Kaub fällt auf Rekordtief
Die Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt meldet für Dienstagmorgen einen Pegelstand von 24 Zentimetern – ein neuer historischer Tiefstwert. Die Wassertiefe beträgt dort nur noch 1,37 Meter. Für Freitag prognostizieren die Behörden sogar nur 18 Zentimeter Pegel, was einer Tiefe von 1,31 Metern entspricht.
Der Pegelstand misst den Abstand der Wasseroberfläche zu einer festen Nullmarke, während die Tiefe den Abstand zum Flussgrund angibt. Beide Werte sind derzeit extrem niedrig. Meteorologe Johannes Habermehl von Meteored Deutschland sieht keine Besserung: „Der große Landregen bleibt aus. Höchstens ein einzelner Schauer, mehr nicht.“ In Köln werden lediglich sechs Millimeter Regen erwartet – angesichts der bevorstehenden Hitzewelle ein Tropfen auf den heißen Stein.
Gletscher fehlen als Wasserlieferant
Ein Grund für die Trockenheit ist das Fehlen der Alpengletscher, die den Rhein früher zuverlässig mit Schmelzwasser versorgten. Die Klimaerwärmung hat sie weitgehend schmelzen lassen. Allerdings lässt sich aus den Pegeln keine direkte Verbindung zwischen Wassermenge und Klimawandel ableiten, da die Pegel vom aktuellen Flusslauf abhängen.
Die Durchflussmenge bei Köln liegt derzeit bei rund 600 Kubikmetern pro Sekunde. Zum Vergleich: Im Jahr 1863, dem Jahr mit dem geringsten gemessenen Durchfluss, waren es lediglich 401 Kubikmeter pro Sekunde. Die aktuelle Situation ist also ernst, aber nicht beispiellos.
95 Prozent der Tanker kommen nicht durch
Die niedrigen Pegel haben massive Auswirkungen auf die Binnenschifffahrt. Kein Frachtschiff oder Tanker kann voll beladen fahren, ohne auf Grund zu laufen. Sie müssen ihre Ladung reduzieren – oft auf nur 10 bis 20 Prozent der üblichen Menge. Gleichzeitig bleiben die Betriebs- und Personalkosten nahezu gleich.
Jürgen Ziegner, Geschäftsführer des ZTG, erklärt gegenüber BILD: „Der Sprit muss von den Raffinerien zu den Verteillagern. Von dort kommt er zur Zapfsäule. Dazu benötigt man Schiffe, doch 95 Prozent der Tanker kommen bei dem Pegel nicht durch.“ Die Bestände in den Verteillagern sind nach Branchenangaben teilweise stark gesunken. Nach dem Auslaufen der Steuererleichterung war die Nachfrage gedämpft, sodass die Lagerbestände abgebaut wurden, schreibt die Preisberichtsagentur „Argus Media“.
Transportkosten explodieren
Die wenigen Tanker, die noch fahren können, verursachen nahezu die gleichen Kosten wie voll beladene Schiffe. Da gleichzeitig weniger Kapazitäten zur Verfügung stehen und die Nachfrage hoch bleibt, steigen die Preise drastisch. Die Transportkosten für eine Tonne Kraftstoff sind von 20 bis 25 Euro auf 150 Euro pro Tonne gesprungen.
Nach Berechnungen von Ziegner führt jede Erhöhung der Transportkosten um 10 Euro zu einem Preisanstieg von 0,8 Cent pro Liter Benzin. Bei einer Steigerung von 130 Euro ergibt das rund 10 Cent mehr pro Liter. Bisher haben die Raffinerien diese Kosten noch nicht vollständig weitergegeben, da sie auf Überkapazitäten produzieren und den Sprit günstiger verkaufen. Ziegner: „Da die Raffinerien auf Überkapazitäten produzieren, verkaufen sie den Sprit billiger ab, daher schlägt sich das bis jetzt nicht auf den Preis nieder.“
Ausfälle nicht durch Lkw auffangbar
Die Ausfälle auf dem Rhein können nicht einfach durch Lkw oder Bahn ausgeglichen werden. „Eine Schiffsladung entspricht ungefähr 120 bis 200 Tanklastern, die Speditionen sind größtenteils vertraglich gebunden und schon mit der normalen Auslieferung voll ausgelastet“, so Ziegner. Eine Umstellung auf den Landweg ist also kaum möglich.
Die Raffinerien selbst erhalten ihr Rohöl weiterhin per Pipeline und produzieren nahezu unverändert. Doch weil Benzin, Diesel und Nebenprodukte wie Schweröl wegen der eingeschränkten Schifffahrt nicht abtransportiert werden können, füllen sich die Lager. Um ein Überlaufen zu vermeiden, verkaufen sie den Kraftstoff derzeit günstiger. Paradoxerweise könnte genau dieser Lagerstau zum Problem werden: Sind die Tanks irgendwann voll, müssen die Raffinerien ihre Produktion drosseln oder stoppen. Das könne zu Produktionsausfällen führen, warnt Ziegner.
Auch Elbe und Donau betroffen
Nicht nur der Rhein hat mit Niedrigwasser zu kämpfen. An der Elbe melden 16 Prozent der Messstellen einen extremen Tiefstand, am Rhein sind es 44 Prozent. Noch dramatischer ist die Lage an der Donau: Dort herrscht an 78 Prozent der Messstellen Alarm. In Ungarn musste das Atomkraftwerk Paks abgeschaltet werden, weil das Kühlwasser aus der Donau fehlt. In Rumänien hat das Militär begonnen, Felsen im Fluss zu sprengen, um mehr Wasser zum Atomkraftwerk Cernavodă umzuleiten und dessen Kühlung zu sichern. Als zusätzlicher Effekt soll die Schifffahrt erleichtert werden.



