Sechs Stunden, 43 Gerichte und am Ende entscheidet ein kleiner Löffel: BILD-Reporter Jörg Ortmann (46) durfte im Mai exklusiv beim geheimen Lufthansa-Tasting in Frankfurt am Main mitentscheiden, was künftig in der Business-Class serviert wird. Ziel der Airline: Das Essen an Bord soll besser, frischer und raffinierter werden. Starkoch Johann Lafer (68), der trotz seiner Krebserkrankung und Chemotherapie weiterarbeitet, entwickelte gemeinsam mit seinem Team Dutzende neue Gerichte für die Bordküchen.
Geheimes Tasting mit 15 Testern
Schon kurz nach 10 Uhr begann der kulinarische Marathon. Insgesamt waren rund 15 Tester vor Ort: Vielflieger, Lufthansa-Manager, Flugbegleiter und BILD als einziger externer Medienvertreter. Im Minutentakt kamen die kleinen Teller. Den Auftakt machte eine geröstete Süßkartoffelcreme mit Feta in einer Wrap-Rolle, gefolgt von Vollkornbrot mit Avocado, Räucherlachs und Senfkaviar.
Bewertet wurde komplett digital. Statt klassischer Testbögen bekam jedes Gericht einen QR-Code, den die Tester mit dem Handy scannten und in einer App mit Schulnoten von 1 bis 6 abstimmten. Sechs Stunden lang wurde probiert, diskutiert und bewertet – herzhaftes Frühstück, süßes Frühstück, Lunch, Dinner. Zimtschnecken, Brioche-French-Toast, Kalbsfrikadellen, Garnelen, Rinderbrust mit Trüffelsoße.
Was funktioniert wirklich im Flugzeug?
Denn Essen am Boden ist nicht automatisch gutes Essen in 10.000 Metern Höhe. Besonders kritisch wurden Hülsenfrüchte bewertet. Bohnen, Linsen, Kichererbsen – alles potenzielle „Abgasproduzenten“. Ein weißer Bohnensalat mit Schmandmus und Schnittlauchöl fiel komplett durch. Die Bohnen zu fest, das Konzept aus Sicht vieler Tester ungeeignet fürs Flugzeug. Das Gericht fliegt nicht mit. Ähnlich schlecht lief es für einen Linsenbratling mit Kichererbsen-Risotto und Brokkoli. Ein Tester trocken: „Mehr Abgasangst kann man im Flugzeug kaum servieren.“
Das Highlight des Tages war ein Frankfurter Grüne-Soße-Törtchen mit Eigelb und Gartenkresse. Eine kleine, herzhafte Torte, optisch edel angerichtet, oben mit pasteurisiertem Eigelb verfeinert. Dieses Gericht begeisterte fast alle Tester. Auch konfierte Zitronen-Pfeffergarnelen kamen gut an.
Technische Hürden für Bordgerichte
Nicht nur der Geschmack spielte eine Rolle. Die Gerichte mussten auch technisch funktionieren: Höhe, Form, Verpackung – alles muss exakt in die Lufthansa-Trolleys passen. Selbst Klassiker wie Wiener Schnitzel scheitern an der Praxis, weil knusprige Panade unter der Abdeckung durch Kondenswasser weich wird. Deshalb setzte Lufthansa auf Piccata Milanese – praktisch der „Flugzeug-Bruder“ des Schnitzels.
Ebenfalls gut bewertet: Wiener Saftgulasch, Kalbsfrikadelle, mit Champignons gefüllte Hähnchenkeule und Rinderbrust mit Trüffelsoße. Am Ende flogen an diesem Tag nur knapp fünf Gerichte raus. Für die meisten Kreationen gab es Lob und für Johann Lafer den Beweis, dass gute Hausmannskost auch heute noch echte Begeisterung auslösen kann. Lafer sagte: „Das Arbeiten tut mir gut, weil es mich vom wesentlichen Problem ablenkt.“



