Tempelhofer Feld: Wahlkampf um Bebauung und Wohnungsnot in Berlin
Tempelhofer Feld: Wahlkampf um Bebauung und Wohnung

Fast 15 Jahre nach der Gründung der Initiative „100 % Tempelhofer Feld“ im September 2011 in Berlin-Neukölln und dem darauf folgenden Volksentscheid 2014, der jede Bebauung des riesigen ehemaligen Flughafengeländes verbietet, wird die Forderung nach einer Änderung des Gesetzes angesichts der angespannten Wohnungssituation in der Hauptstadt immer lauter. Umfragen der letzten Zeit zeigen, dass sich inzwischen Mehrheiten eher für als gegen eine Teilbebauung aussprechen. Im Wahlkampf zur Abgeordnetenhauswahl am 20. September spielt das Thema eine zentrale Rolle.

Das Areal: Größe, Nutzung und historische Bedeutung

Das Tempelhofer Feld erstreckt sich über rund 300 Hektar und ist damit eine der größten innerstädtischen Freiflächen Europas. Es liegt zwischen den Bezirken Neukölln, Tempelhof-Schöneberg und Friedrichshain-Kreuzberg. Rund 230 Hektar sind offene Wiesenflächen, durchzogen von den alten Start- und Landebahnen des ehemaligen Flughafens. Seit der Öffnung 2010 wird das Gelände bei gutem Wetter von zahlreichen Menschen zum Grillen, Joggen, Skaten, für urbane Gärten und Konzerte genutzt. In den Wintermonaten ist es oft weitgehend leer – ein riesiger ungenutzter Platz in der Großstadt. Historisch diente das Feld zunächst als preußisches Militärgelände, wurde Anfang des 20. Jahrhunderts zum Flughafen ausgebaut und war während der Berliner Luftbrücke 1948/49 ein Symbol der Versorgung West-Berlins. Das denkmalgeschützte Flughafengebäude zählt zu den größten Bauwerken Europas. 2008 wurde der Flughafen geschlossen.

Politische Ausgangslage: Volksentscheid vs. Wohnungsnot

Der Volksentscheid von 2014 legte per Gesetz fest, dass das gesamte Gelände unbebaut bleiben muss. Dieses Gesetz verbietet bis heute eine Bebauung und schreibt den Erhalt als Freifläche fest. Gleichzeitig verschärft sich der Wohnungsmangel in Berlin, was den politischen Druck erhöht, zumindest Teile des Feldes für den Wohnungsbau zu nutzen. Nötig wäre eine Gesetzesänderung durch das Berliner Abgeordnetenhaus. Der Berliner Senat aus CDU und SPD verfolgt ein Modell der „maßvollen Randbebauung“. Diskutiert werden mehrere Bereiche entlang der äußeren Ränder, etwa am Tempelhofer Damm und an der Oderstraße. Vorgaben sind eine dichte, flächensparende Bauweise, ein hoher Anteil geförderter Wohnungen sowie klimaneutrale Baukonzepte. Die innere Freifläche soll unangetastet bleiben. In einem Vorschlag von Architekten zu einem Ideenwettbewerb ist von rund 20.000 Wohnungen die Rede.

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Positionen der Initiative, Stadtplaner und Naturschützer

Die Initiative „100 % Tempelhofer Feld“ lehnt jede Form der Bebauung strikt ab. Ihr Konzept setzt auf die Weiterentwicklung innerhalb der bestehenden Nutzung: Ausbau von Gemeinschaftsgärten, Förderung von Sport- und Freizeitangeboten sowie kulturelle Nutzungen ohne dauerhafte bauliche Eingriffe. Sie argumentiert, dass bereits eine Randbebauung einen Präzedenzfall schaffen und langfristig zu weiterer Bebauung führen könnte. Architekturbüros und Universitäten wie die TU Berlin entwerfen kompakte Quartiere mit 5- bis 7-geschossiger Bebauung, die auf etwa 10 bis 15 Prozent der Gesamtfläche begrenzt sind. Ein Teil der Flächen soll gezielt an Baugruppen und Genossenschaften vergeben werden, um langfristig bezahlbaren Wohnraum zu sichern. Einige Entwürfe sehen vollständig autofreie Quartiere mit Fokus auf Fahrrad- und Fußverkehr vor. Die Gebäude sollen so angeordnet werden, dass Frischluftströme möglichst wenig beeinträchtigt werden, etwa durch offene Baukörper und große Grünachsen. Umwelt- und Naturschutzverbände wie der BUND Berlin oder die Berliner Landesarbeitsgemeinschaft Naturschutz verweisen auf die hohe ökologische Bedeutung des Feldes. Dort leben Feldlerchen, seltene Insektenarten und spezialisierte Pflanzen, die offene, ungestörte Flächen benötigen. Wichtig sei außerdem das Feld als Frischluftschneise: Nachts kühlt die offene Fläche stark ab und transportiert kühlere Luft in angrenzende dicht bebaute Quartiere. Sie fordern den vollständigen Verzicht auf Bebauung und eine Ausweitung von Schutzflächen.

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Parteien und Ausblick: Entscheidung nach der Wahl

Die CDU unterstützt eine Bebauung. Die SPD ist bei der Frage nicht einig: Ein Teil der Partei befürwortet eine begrenzte Randbebauung mit Fokus auf sozialen Wohnungsbau, ein anderer ist dagegen. Die Grünen betonen die Klimafunktion des Feldes, sind aber teilweise offen für eingeschränkte Bebauung unter strengen ökologischen Bedingungen. Auch die Linke ist eher gespalten – manche Politiker lehnen das Bauen grundsätzlich ab, andere würden sozialen Wohnungsbau am Rand akzeptieren. Die AfD fordert den Bau von Wohnraum auf Teilen des Feldes. Am 20. September wird das Berliner Abgeordnetenhaus neu gewählt. Vom Ausgang der Wahl hängt vieles ab. In den Koalitionsverhandlungen zur Bildung eines neuen Senats dürfte das Thema eine große Bedeutung haben. Diskutiert werden auch ein neuer Volksentscheid oder ein anderes Beteiligungsverfahren.