Unglückshergang und Wetter als Auslöser
Knapp ein Jahr nach dem schweren Zugunglück von Riedlingen hat die Bundesstelle für Eisenbahnunfalluntersuchung (BEU) ihren 57-seitigen Abschlussbericht vorgelegt. Drei Menschen kamen ums Leben, 36 wurden teils schwer verletzt, darunter auch Kinder. Das Unglück ereignete sich, als eine Regionalbahn in einen Hangrutsch fuhr. Laut Bericht war das Wetter der entscheidende Faktor: Kurz vor dem Vorfall zog eine Gewitterfront über Oberschwaben, die innerhalb einer Stunde etwa 28 Liter Regen pro Quadratmeter brachte. Der Deutsche Wetterdienst stufte dies nicht als außergewöhnlich ein – vergleichbare Starkregen seien seit 2001 mehrfach registriert worden. Der Boden war jedoch durch vorherigen Regen gesättigt, sodass das Wasser nicht mehr aufgenommen werden konnte. Es bildete sich ein Hangrutsch, Schlamm und Erdreich gelangten auf die Gleise.
Die Regionalbahn aus Richtung Sigmaringen fuhr mit einer Geschwindigkeit von etwa 150 Kilometern pro Stunde in den Hangrutsch. Der vordere Triebwagen entgleiste und wurde den Hang hinaufgeschoben, auch die anderen Triebwagen entgleisten. Neun Minuten später wurde die Strecke gesperrt.
Rolle des Lokführers und der Fahrdienstleiter
Der 32-jährige Lokführer, der bei dem Unglück starb, konnte den Zusammenprall nicht verhindern. Er hielt die zulässige Höchstgeschwindigkeit ein, leitete jedoch keine Schnellbremsung ein. Aufgrund des Streckenverlaufs konnte er den Hangrutsch nur 60 Meter vorher sehen – ein rechtzeitiges Erkennen war nicht möglich. Das Unwetter war zum Zeitpunkt der Abfahrt in Riedlingen bereits weitergezogen, und es lagen keine Anweisungen zur Geschwindigkeitsreduzierung vor.
Die Fahrdienstleiter in Riedlingen und Rechtenstein waren laut Bericht von der Wetterlage beunruhigt und sprachen in Telefonaten von „Weltuntergangsstimmung“ und davon, dass das Wetter „beschissen“ sei. Sie sahen jedoch keinen Anlass, Maßnahmen zu ergreifen. Die Autoren des Berichts erheben keine Vorwürfe gegen die Mitarbeiter, da es keine Handlungsanweisung für den Umgang mit angekündigtem Starkregen gab.
Zielkonflikte bei der Bahn und technische Aspekte
Der Bericht weist auf einen Zielkonflikt für Fahrdienstleiter hin: Einerseits müssen sie für Sicherheit sorgen, andererseits eine maximale Betriebsqualität (Pünktlichkeit) gewährleisten. „Beiden Anforderungen können Fahrdienstleiter nicht immer konfliktfrei gerecht werden“, heißt es. Bei Maßnahmen, die die Pünktlichkeit beeinträchtigen, entstehe ein Rechtfertigungsdruck gegenüber Vorgesetzten.
Der verunglückte Zug selbst wies keine Mängel auf. Die Triebwagen hatten einen sogenannten Bahnräumer, der die Räder vor kleinen Gegenständen schützen sollte – gegen Schlamm oder Erdreich war er nicht ausgelegt. Die Anforderungen an Bahnräumer wurden inzwischen weiterentwickelt; sie sollen nun eine kontinuierliche Barriere bilden und als Schneepflug fungieren. Ob ein moderner Bahnräumer die Entgleisung verhindert hätte, lässt sich laut Bericht nicht abschließend bewerten.
Ermittlungen der Staatsanwaltschaft dauern an
Neben der BEU befasst sich auch die Staatsanwaltschaft Ravensburg mit dem Unglück. Sie hat ein Todesermittlungsverfahren eingeleitet, das bei nicht natürlichen Todesfällen üblich ist. Laut einem Sprecher dauern die Ermittlungen noch an; man warte auf ein geologisches Gutachten. Den BEU-Bericht werde man prüfen.



