Berlin macht Pause: Stadt verliert an Strahlkraft und Ambition
Berlin macht Pause: Verlust an Strahlkraft und Ambition

Berlin macht Pause: Stadt verliert an Strahlkraft und Ambition

Viele Berliner haben die günstige Gelegenheit genutzt, die zwei dicht beieinander liegenden Feiertage in ihre Ferienplanung einzubeziehen, um Urlaubstage zu sparen. Die Stadt präsentiert sich abseits der Touristenhotspots jedenfalls leerer als sonst. Trotz des sommerlichen Wetters, das die Berlinerinnen und Berliner doch für gewöhnlich nach draußen treibt, wirkt die Hauptstadt wie ausgestorben. Berlin macht Pause – und das gilt auch im übertragenen Sinn.

Seit einigen Jahren kommt die Stadt nicht recht voran. Es hakt an allen Ecken und Enden. Die vollmundig angekündigten Pläne des Senats versanden. Er ist vielmehr mit sich selbst beschäftigt, in kleine und größere Skandale verstrickt. Der Kapitän ist abgetaucht oder zeigt sich bei Wohlfühlterminen. Berlin treibt vor sich hin, ohne ein Ziel vor Augen zu haben. Dieser Trend ist nicht neu. Der letzte Boom liegt nun schon ein paar Jahre zurück.

„Berlin ist arm, aber sexy“ – ein Slogan von gestern

„Berlin ist arm, aber sexy“, rief der damalige Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit vor einem Vierteljahrhundert in die Welt hinaus. Dass es auch noch der erste offen schwule Regierungschef tat, brachte der Stadt zusätzliche Aufmerksamkeit ein. Berlin wurde seinem Ruf als Sehnsuchtsort wieder einmal gerecht. Das ist lange her und eine ähnlich attraktive Idee nicht in Sicht. „Berlin ist weder so überwältigend wie die explosionsartig entstehende Stadt der Kaiserzeit, noch so programmatisch modern wie die Stadt der Zwanzigerjahre“, schreibt Jens Bisky in seiner monumentalen Berlin-Biografie. „Verzagtheit herrscht vor. Man will schon besonders sein, aber dabei nicht aus dem Rahmen fallen“, heißt es weiter. „Deswegen wirkt vieles so nett, aber unerfreulich, weil weit hinter den Möglichkeiten zurückbleibend.“

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Berlins Senat verliert an Ambition und setzt kaum neue Impulse

Berlin könnte also mehr. Leider ist das offizielle Berlin dazu nicht bereit. „Aber der Senat ist nicht Berlin, die Stadt mehr als ihre Verwaltung und meist Besseres, als die Werbung von ihr zu sagen weiß.“ Als Bisky das schrieb, schickte sich Kai Wegner an, Regierender Bürgermeister der Stadt zu werden. Nun ist er es und seitdem ist wenig geschehen. Im Gegenteil. Der aktuelle Senat ist ambitionslos wie kein anderer vor ihm. Regierungsmitglieder und Staatssekretäre kommen und gehen, aber es scheint egal zu sein, weil die jeweiligen Vorgänger keine Vorhaben angestoßen haben, die es fortzusetzen gilt, oder deren Scheitern einen sichtbaren Schaden anrichten. Kein Wunder allerdings, wenn die einzige Prämisse zu sein scheint, das Autofahren in der Stadt zu ermöglichen. Langweiliger und perspektivloser geht es kaum. Anderswo machen sich die Leute darüber Gedanken, wie sie die Städte – auch angesichts steigender Temperaturen – lebenswerter machen. Es geht ganz simpel um Schattenspender und Trinkwasser. Darüber wird hier kaum ein Gedanke verschwendet.

Berliner Kulturpolitik: Vielfalt gerät durch Sparkurs ins Abseits

Die Kultur ist einer der Berliner Trümpfe, von der freien Szene bis zur Staatsoper Unter den Linden. Sie wird mittlerweile allerdings vom Finanzsenator im Nebenjob verwaltet. Deutlicher kann man nicht zeigen, wie egal einem die kulturelle Vielfalt ist. In anderen Politikfeldern sieht es nicht anders aus. Ein Ende des Wohnungsmangels ist ebenso wenig in Sicht, wie der des Lehrkräftemangels. Anstatt die drei bereits bestehenden schienengebundenen Systeme von U-, S- und Straßenbahn in Schuss zu halten, wird über eine seit Jahren von einem bayerischen Unternehmer wie Sauerbier angebotene vierte nachgedacht. Eine Schwebebahn soll irgendwo von hier nach da dahinschweben. Vielleicht vom ICC zum BER, oder von Spandau nach Potsdam. Das weiß man noch nicht so genau.

Aber es besteht trotz alledem kein Grund zu verzweifeln. Berlin hat schlimmere Durststrecken durchstanden. Es sind die vier Millionen Menschen, die die Stadt immer wieder am Laufen halten, sie beleben, erneuern und voranbringen. Die Stadt funktioniert ja, trotz der bräsigen Politik. Das ist der Verdienst der vielen Menschen hier. „Diese Millionen sorgen dafür, dass die große Stadt nicht langweilig wird“, heißt es in Biskys Berlin-Manifest. Da hat er zweifellos recht.

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