Die Heilandskirche in Sacrow: Ein lebendiges Geschichtsbuch
Die Heilandskirche im Potsdamer Ortsteil Sacrow ist weit mehr als ein Gotteshaus. Ihre Mauern erzählen 150 Jahre deutsche Geschichte – eingeritzt in blau glasierte Fliesen, die die Außenmauern schmücken. Pfarrer Stephan Krüger, der seit einiger Zeit hier wirkt, schätzt die besondere Atmosphäre dieses Ortes. „Die Atmosphäre ist hier sehr besonders“, sagt der 56-Jährige. Er sitzt auf einer Bank an der Brüstung zur Havel und blickt zu dem backsteinernen Glockenturm, dem Campanile, empor.
Die Kirche, 1844 in Anwesenheit von König Friedrich Wilhelm IV. eingeweiht, liegt idyllisch am Ufer des Jungfernsees – fast wie auf einer Insel. Umgeben von blühenden Wiesen und Wasser, ist sie nur zu Fuß oder mit dem Boot erreichbar. Schon der königliche Hofstaat aus Sanssouci kam per Ruderboot zum Gottesdienst. Doch die Abgeschiedenheit hatte auch eine dunkle Seite: Nach dem Mauerbau 1961 lag die Kirche im Todesstreifen der innerdeutschen Grenze. Heiligabend 1961 fand der letzte Gottesdienst statt, kurz darauf wurde der Innenraum zerstört. Erst nach der Wiedervereinigung 1990 wurde sie saniert.
Ein Gästebuch aus Stein
Die Mauern der Heilandskirche sind übersät mit unzähligen Nachrichten, Namen und Jahreszahlen. Wer sich die Zeit nimmt, kann in die Vergangenheit eintauchen. Die ältesten Inschriften stammen aus dem 19. Jahrhundert. Eine Marie Helbig aus Liegnitz war am 9. August 1879 da, wie auf den Steinen zu lesen ist. In dadaistisch anmutenden Versen aus den 1920er Jahren heißt es: „Tempo, Tempo / Peng! / Sahara! / Amazonas“. Die Bedeutung bleibt offen.
Pfarrer Krüger wirft immer wieder einen Blick auf die Inschriften. „Vieles sind Liebesbotschaften, es gibt aber auch Nachrichten von Menschen während des Krieges. Man fragt sich: Was ist aus ihnen geworden?“ Die Inschriften sind in Deutsch, Englisch oder Russisch verfasst, in Sütterlin oder lateinischer Schrift. Sie reichen von alltäglichen Kritzeleien bis zu historischen Zeugnissen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs oder des geteilten Deutschlands.
Verbotenes Ritual
Ursprünglich war das Verewigen nicht erlaubt. Bereits 1850 ließ das Oberhofmarschallamt warnen: „Das Bemalen, Beschreiben sowie jede sonstige Verunreinigung oder Beschädigung der Wände und Türen der Kirche, des Säulenganges und des Thurmes ist verboten.“ Heute haben die Inschriften historischen Wert. Als vor einigen Jahren Unbekannte Schimpfwörter auf die Mauern sprühten, wurden die Steine so gereinigt, dass die darunter liegenden Kritzeleien erhalten blieben.
Zeugnisse der deutschen Teilung
Ab 1945 finden sich Inschriften in kyrillischen Buchstaben. Spuren einer Maschinengewehrsalve auf dem Pfeilerumgang zeugen vom Kriegsende. DDR-Grenzsoldaten, die den Campanile als Wachturm nutzten, ritzten ein: „Wir standen hier so manche Nacht und keiner hat an uns gedacht“. Und jemand schrieb anonym: „Hilf mir, Mama, den richtigen Weg zu finden. Du fehlst mir, habe keine Kraft mehr.“
Westdeutsche Spaziergänger konnten die Kirche während der Mauerzeit nur vom anderen Ufer der Havel aus sehen. „Es gab Ausflugsboote aus dem Westen, die bis vor die Kirche fuhren, dann wendeten sie – durch das Wasser verlief ja die Grenze“, erzählt Krüger. Er selbst, 1969 in Frankfurt an der Oder geboren, kannte die Kirche als junger Mann nur aus der Ferne. Als Pfarrerssohn durfte er in der DDR kein Abitur an einer regulären Schule machen. „Da bin ich mit einem Freund unerlaubt auf den Turm des Belvedere-Schlosses geklettert. Wir konnten hinüber zur Heilandskirche schauen, die mitten im Todesstreifen lag – für uns unerreichbar. Dass ich selbst einmal hier Pfarrer sein würde, hätte ich damals niemals gedacht.“
Ein Ort der Besinnung
Viele Menschen aus der Umgebung haben ihr Herz an diesen Ort verloren. Ein älterer Mann, der an diesem Morgen darauf wartet, dass die Küsterin die Kirchentüren öffnet, erzählt, dass er jeden Freitag oder Samstag komme, um eine Kerze anzuzünden. „Mein Weg war nicht immer so glatt wie die hier“, sagt er und deutet auf die flachen Steine auf dem Boden. „Ich sag mal so: Diese Kirche tut mir gut.“
Die Heilandskirche bleibt ein lebendiges Zeugnis der Vergangenheit und ein Ort der Ruhe und Besinnung in der Gegenwart.



