Im Jahr 2001 begann in Ost-Berlin eine bemerkenswerte Initiative: Drei Evangelische Schulen öffneten ihre Türen, getragen von engagierten Eltern, die sich eine bessere Bildung für ihre Kinder wünschten. Die Evangelische Schule Berlin Mitte (ESBM), die Evangelische Schule Lichtenberg und die Evangelische Schule Pankow feiern in diesem Jahr ihr 25-jähriges Jubiläum. Träger ist die Evangelische Schulstiftung in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO).
Der Auslöser: Unzufriedenheit mit dem DDR-Schulsystem
Rund zehn Jahre nach der Wende waren viele Schulen in Ost-Berlin noch vom pädagogischen Geist der DDR geprägt. „Militärisch anmutende Ordnungsprinzipien wie morgens auf dem Schulhof sammeln, in Zweierreihe laufen und treppenabsatzweise aufrücken waren an der Tagesordnung“, erinnert sich Anne Bresgott, eine der Initiatorinnen. Erziehungswerte wie Disziplin und Gehorsam standen über Kooperation und Hilfsbereitschaft. Viele junge Lehrkräfte waren nach der Wende fortgezogen, und die verbliebenen Lehrer identifizierten sich oft noch mit den alten autoritären Methoden. „Dafür waren wir 1989 nicht auf die Straße gegangen“, sagt Bresgott.
Der Start: Von der Idee zur Schule
Alles begann mit einem Zettel, den Bresgott 1999 in Bioläden, an Laternenpfählen und beim Bäcker aufhängte: „Wir wollen eine Schule gründen – wer macht mit?“ Zwei Jahre später, im Sommer 2001, nahm die ESBM ihren Betrieb auf – mit 16 Kindern, einem Lehrer und einer Schulleiterin. Die Eltern renovierten in ihrer Freizeit einen vernachlässigten DDR-Plattenbau in der Rochstraße, mieteten ihn vom Land Berlin und schufen so einen Ort des freien Lernens. „Einen Sommerurlaub hatten wir vor der Eröffnung nicht. Dafür hieß es jedes Wochenende streichen und spachteln“, erinnert sich Bresgott.
Herausforderungen und Erfolge
Die Finanzierung war anfangs schwierig. Die Eltern akquirierten Gelder bei Stiftungen und Förderern, leisteten viel Eigenarbeit. Die Anschubfinanzierung kam unter anderem von der bundesweiten Evangelischen Schulstiftung. Später übernahm die EKBO die Trägerschaft. Heute werden an der ESBM rund 300 Kinder in zwölf regulären und einer Willkommensklasse unterrichtet. „Wir haben jedes Jahr dreimal so viele Anmeldungen wie Plätze“, sagt Schulleiterin Kerstin Hagedorn.
Reformpädagogik und Inklusion
Der reformpädagogische Ansatz der Schule setzt auf selbstbestimmtes, jahrgangsübergreifendes Lernen. In der Wochenplan-Zeit arbeiten die Kinder eigenständig an ihren Aufgaben, unterstützt von Lehrkräften. Inklusion wird großgeschrieben: Rund zehn Prozent der Schüler haben sonderpädagogischen Förderbedarf, darunter acht Kinder mit Trisomie 21. „In unserem Konzept und Schulalltag ist Inklusion enorm wichtig“, betont Hagedorn.
Blick in die Zukunft
Die Gründungseltern hoffen, dass private Schulen mehr politische Anerkennung erfahren. „Ich weiß, dass an der ESBM alle mit Herzblut dabei sind und es gelungen ist, hier eine echte Alternative zu schaffen“, sagt Bresgott. Die Schule bleibt ein guter Ort für Kinder und Lehrer gleichermaßen.



