Seit fast zwei Wochen leben die Mieter eines siebengeschossigen Wohnhauses am Mariendorfer Weg 55 in Berlin-Neukölln ohne Strom und warmes Wasser. Mindestens 214 Menschen sind von den Auswirkungen des Kellerbrands betroffen. Die Polizei bestätigte auf Anfrage, dass sie und die Feuerwehr am 8. Juli in das Gebäude alarmiert wurden. Das Brandkommissariat des Landeskriminalamts der Polizei Berlin ermittelt wegen Brandstiftung.
Leben im Dunkeln: Kein Strom, kein Warmwasser
Wäsche waschen, die Jalousien schließen oder auch nur einen Tee kochen – in dem 2019 errichteten Gebäude ist all das seit dem Brand nicht möglich. Auch benachbarte Häuser sind vom Warmwasserausfall betroffen. Verwaltet werden die Gebäude von der Capera Immobilien Service GmbH.
„Wir sind nur noch am Schleppen, Organisieren und Warten – es kostet so viel Energie und man sieht einfach kein Ende in Sicht“, sagt Anwohnerin Kristin Neubauer. Sie sitzt mit ihrem sieben Monate alten Baby auf dem Sofa ihres Wohnzimmers. Dort schlief sie gerade, als sie von dem Brand erfuhr. Einen Feuermelder habe sie nicht gehört: „Ich bin nur auf den Brand aufmerksam geworden, weil mein Mann mich von der Arbeit angerufen hat“, sagt sie.
Rauchentwicklung und Krankenhausaufenthalt
Als sie aus der Wohnung in den Hausflur des dritten Stockwerks schaute, dachte sie zunächst: Da ist nichts. Als sie dann sah, dass die Kinder der im Erdgeschoss ansässigen Kita auf dem gegenüberliegenden Friedhof standen, hielt sie ihrem Baby Mund und Nase zu und lief mit ihm nach draußen. „Der zweite Stock war da schon voller Qualm“, sagt sie. Unten traf sie auf den Hausmeister. Man habe ihn nicht mehr hochgelassen, um Bescheid zu sagen.
„Er sah ganz verzweifelt aus“, sagt Neubauer. Wie viele der Bewohner mit Kindern musste Neubauer anschließend mit ihrem Baby zur Untersuchung ins Krankenhaus. Dort wurde das Baby mit Sauerstoff versorgt. Weitere Verletzungen habe es nicht davongetragen.
Hausgemeinschaft fühlt sich im Stich gelassen
Auch fast zwei Wochen nach dem Brand riecht es in dem Flur des Hauses noch unangenehm nach Rauch. Je näher man dem Keller kommt, desto intensiver wird der Geruch. Da der Flur in den meisten Stockwerken keine Fenster hat, ist es nahezu duster. Eine notdürftig von einem Bewohner installierte Akku-Lampe mit Bewegungsmelder kann nur bedingt Abhilfe schaffen.
„Ich muss mit meinem kleinen Kind aus dem sechsten Stock nach unten gehen“, sagt eine andere Mieterin, die lieber anonym bleiben will. Wie die anderen Bewohner beklagt sie, dass die Hausverwaltung sie lange nicht über den weiteren Ablauf informiert habe. Dabei habe die Hausverwaltung in ihren zunehmend genervten Antworten darauf verwiesen, dass sie das Gutachten der Versicherung abwarten müsse, bevor der Hauptstromkasten repariert werden könne. Bis dahin könnten die Mieter Ersatzunterkünfte buchen – zudem werde die Miete gemindert.
„Dass man in so einem Fall keine Miete zahlen muss, ist das Mindeste“, sagt die Bewohnerin. Das habe ihr der Mieterverein bestätigt. Doch ob die Kosten für Ersatzunterkünfte tatsächlich von der Hausverwaltung übernommen werden, sei unklar. „Und es ist auch nicht so einfach, mit Kindern sein Leben einfach mal so in ein Hotel zu verlegen“, sagt sie.
Ungewissheit und Frustration
Das Schlimmste, darin sind sich alle Anwesenden einig, sei die Ungewissheit. „Man kann überhaupt nicht planen“, sagt die Anwohnerin. Dass Reparaturen Zeit brauchen, dafür haben die Mieter Verständnis. Verärgert sind viele jedoch darüber, dass die Hausverwaltung die Hausgemeinschaft fast zwei Wochen lang nicht darüber informiert habe, wie lange die Arbeiten dauern würden. Auch um eine Grundversorgung, etwa ein Notlicht im Flur, habe sie sich nicht gekümmert. „Eine kleine Geste – und wäre es nur eine PET-Wasserflasche gewesen – hätte ich angenommen. Einfach, um uns zu zeigen, dass wir Menschen für die Hausverwaltung sind“, sagt der Mieter Alexander Scharpf.
Am Tag des Treffens kommt dann erstmals Bewegung in die Sache. „Der bisherige mediale Druck hat anscheinend gefruchtet“, schreibt einer der Anwohner am Nachmittag. Eine Handwerksfirma und ein Vertreter der Hausverwaltung sollen nach Schilderung aus der Nachbarschaft vor Ort gewesen sein.
Bis voraussichtlich Ende der Woche soll demnach eine Notlösung für das warme Wasser stehen – aktuell fehle dafür noch ein Spezialkabel aus einer anderen Stadt. Eine offizielle Information der Hausverwaltung, ob und wann wieder Strom fließen soll, gibt es für die Mieter bislang nicht. Auch die Tagesspiegel-Anfrage ließ die Hausverwaltung bis Redaktionsschluss unbeantwortet.



