Jahrzehntelang dämmerte ein Bunker aus der Nazizeit an der Parchimer Allee in Berlin-Britz fast unbeachtet vor sich hin – bis er einem Neubauprojekt im Weg stand. Heute ist das ehemalige Luftschutzbauwerk als Hochkeller in ein Wohnensemble integriert und dient als Garage und Lagerraum. Die Geschichte des Relikts zeigt, wie aus einem Symbol der Gewaltherrschaft ein Teil modernen Wohnraums wurde.
Lage und Fakten zum Weltkriegsbunker Parchimer Allee
Der Flachbunker vom Typ 4D lag an der Adresse Parchimer Allee 5, Ecke Ortolanweg 3, im Ortsteil Britz des Bezirks Neukölln. Die Koordinaten lauten CFW5+2W7 Berlin. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist das Grundstück über die Buslinie 181 (Haltestelle Kielingerstraße) erreichbar. Das Areal ist Privatgelände, ein Betreten ist nicht gestattet. Der Bunker bot Schutz für knapp 300 Personen in 36 Kammern und wurde Anfang der 1940er-Jahre errichtet. Nach dem Krieg blieb er erhalten, verfiel und wurde schließlich in den 1980er-Jahren in ein Wohnprojekt integriert.
Bau und Nutzung während des Zweiten Weltkriegs
Als 1940 Luftangriffe der Alliierten die Reichshauptstadt trafen, reagierte die NS-Führung mit einem Bunkerbau-Sofortprogramm. Unter der Federführung der „Baugruppe Langer“ des Generalbauinspektors entstanden Normbunker für die Zivilverteidigung. Der Bunker an der Parchimer Allee gehörte zur „ersten Welle“ von 1940/1941. Insgesamt wurden in Berlin rund 1000 Anlagen gebaut, davon etwa 500 Flachbunker für 100 bis 300 Personen. Die Schlüssel für eine Kammer mit zwei 3-Stockbetten wurden bevorzugt an kinderreiche Familien vergeben. Der Bunker verfügte über Aufenthalts- und Sanitärräume, Schleusen, Räume für die Bunkertechnik und den Bunkerwart.
Das Bauwerk hatte eine Länge von rund 38 Metern, eine Breite von 19 Metern und eine Baufläche von 760 Quadratmetern. Die Deckenstärke betrug 1,40 Meter, die Wandstärke aus massivem Stahlbeton 1,80 Meter. Mehrere seitliche Zugänge führten über Treppen ins Innere. Schwere Eisentüren mit Sichtlöchern riegelten die Schutzräume hermetisch ab. Zwei parallele Gänge mit je acht Bunkerzellen an den Außenwänden und einem Zellenblock mit 20 Zellen in der Mitte führten zum hinteren Ausgang. Dort gab es einen Aufenthaltsraum, Sanitärraum, Heizungsraum, Sandfilter und Lüftungsgeräte.
Bombenhagel und Todesangst im Bunker
Im Sanitärbereich gab es getrennte Toiletten- und Waschräume für Frauen und Männer sowie eine behelfsmäßige Küche. Die Rettungswege waren mit im Dunkeln leuchtender Farbe gekennzeichnet. Bei Stromausfall konnte mit Handkurbeln eine Notfallsauerstoffversorgung gewährleistet werden. Dennoch war die Luft oft dünn, sodass Menschen in Panik gerieten. Bei nahen Bombeneinschlägen bebten die Wände, Staub rieselte von der Decke. Vereinzelt kam es durch Überfüllung und Gedränge zu Todesfällen, ohne direkte Bombentreffer.
Besonders verheerend war der Angriff in der Nacht vom 29. auf den 30. Dezember 1943: 20 Minuten lang fielen aus 712 britischen Flugzeugen mehr als 2200 Tonnen Bomben auf Neukölln und Tempelhof. Ganze Häuserzeilen lagen in Schutt und Asche. Der Bunker an der Parchimer Allee rettete mit hoher Wahrscheinlichkeit Menschenleben, da auch in der Umgebung Wohnhäuser zerstört wurden.
Nachkriegszeit und Verfall
Nach Kriegsende befahlen die Alliierten die Sprengung der Bunker. Bis 1948 wurden mehr als die Hälfte der Berliner Bunker abgebaut oder gesprengt. Viele hielten den Sprengungen stand und wurden zugeschüttet oder zivil genutzt, etwa als Notunterkunft oder Lager. Auch der Bunker an der Parchimer Allee blieb erhalten und diente möglicherweise kurzzeitig als Lager, bevor er aufgegeben wurde.
In den Jahrzehnten des Kalten Krieges verfiel das Bauwerk zur modernen Ruine. In den 1970er-Jahren entstanden in der Umgebung achtgeschossige Wohnhäuser, der Bunker blieb unangetastet. Im Inneren fraß sich Rost durch die Technik, Staub und Brackwasser sammelten sich, die Wände bröckelten. Hinweise aus der NS-Zeit wie „Ruhe bewahren“ und „Nicht drängen!“ verblassten.
Integration in das Wohnprojekt „Ortolan-Schnecke“
Mehr als vier Jahrzehnte war das Relikt dem Verfall preisgegeben, bis es zum Hindernis für ein Neubauprojekt wurde. In Vorbereitung auf ihr 100-jähriges Jubiläum 1986 sicherte sich die „Berliner Baugenossenschaft eG“ das bis dahin landeseigene Bunkerareal. Ziel war ein genossenschaftliches Selbsthilfemodell mit 93 Wohnungen, bei dem die zukünftigen Nutzer durch Eigenleistungen Baukosten und Mieten senkten. Der Bunker wurde nicht abgerissen, sondern nach Plänen des Architekten Axel Gutzeit als Hochkeller in das Hausprojekt integriert.
1992 wurde die „Ortolan-Schnecke“ fertiggestellt. Der Bunker wurde saniert und in den Bogen des geschwungenen Häuserensembles eingefügt. Auf der Hofseite ist die Grundform noch erkennbar: Eine Rundtreppe führt im Innenhof auf die Schutzdecke, die als Plateau in den Entwurf übergeht. Den Treppenabsatz ziert eine Bauplastik in Blütenform. Heute dient der Bunker als Garage und Lagerraum – ein stilles Zeugnis der Geschichte, das in modernem Wohnraum aufgegangen ist.



