Mehr als 20 junge Freiwillige aus ganz Europa schrubben auf dem Magdeburger Westfriedhof Kriegsgräber. Zwischen Moos und Namenlosen wächst ein leises Verständnis für Vergangenheit, Verantwortung und Frieden. Die Aktion ist Teil des internationalen Workcamps „Magdeburg international“, das der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge organisiert hat.
Praktische Arbeit auf dem Westfriedhof
Mit Eimern, Schwämmen, Bürsten und Lappen bewaffnet, verteilen sich die Teilnehmer auf einem Grabfeld mit mehr als 130 Steinkreuzen. Die Kreuze tragen die Aufschrift „Soldaten 1939/1945“ und sind ohne Grabschmuck. Die jungen Menschen entfernen Unkraut, begradigen Grasnarben und schrubben Moos und Dreck von den Steinoberflächen. Die Stimmung ist gut, alle packen an und helfen einander.
Guillaume Krezdorn, ein 19-jähriger Politikwissenschaftsstudent aus Tours in Frankreich, gehört zur Gruppe. „Ich will etwas lernen über die Weltkriege und wie andere Städte und Menschen damit umgehen und darüber denken“, sagt er. Neben der praktischen Arbeit stehen Austausche und Exkursionen an, etwa zur Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe bei Gardelegen.
Teilnehmer aus sieben Nationen
23 Jugendliche und junge Erwachsene aus Deutschland, Rumänien, der Türkei, Ungarn, Frankreich, der Ukraine und Italien nehmen vom 11. bis 24. Juli 2026 am Camp teil. Das Motto lautet „Erinnern verbindet“, auf den Shirts steht „together for peace“. Valentina Corsetti, die einzige Italienerin und mit 25 Jahren eine der ältesten, hat einen persönlichen Bezug: Ihre Mutter ist Deutsche, ihr 1937 geborener Opa war als Kleinkind mit den Eltern vor den Nationalsozialisten auf der Flucht. „Es ist für mich ein bisschen wie Familienrecherche“, erzählt Corsetti. „Wir alle hier kennen die Theorie über die Grausamkeit von Krieg, aber hier haben wir so etwas wie die Praxis.“ Sie reinigt jedes Grabkreuz etwa 15 Minuten lang behutsam und entfernt jeden Schmutz- und Moosrest. Manchmal pflegen sie Gräber Namenloser, auf denen nur „unbekannter Soldat“ steht. Corsetti verwendet das Wort „Postmemory“, das das Verhältnis der Nachfolgegeneration zu den Traumata der Vorgängergeneration beschreibt. „Das hier ist Vergangenheit, aber die Wirkung zeigt sich bis heute.“
Tradition der internationalen Jugendbegegnungen
Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge ist als Träger der freien Jugendhilfe anerkannt und führt seit 1953 internationale Jugendbegegnungen und Workcamps durch. Damals begann alles auf dem Soldatenfriedhof im belgischen Lommel, dem größten deutschen Soldatenfriedhof des Zweiten Weltkriegs in Westeuropa. Das Leitmotiv: „Versöhnung über den Gräbern“. Anne Schieferdecker aus dem Hauptstadtbüro des Volksbundes in Berlin erklärt: „In diesem Jahr stehen europaweit etwa 30 Workcamps und andere Veranstaltungen der Jugendarbeit auf dem Plan. In den meisten Projekten arbeiten wir mit internationalen Partnerorganisationen zusammen.“ Die Teilnahmegebühren liegen bei 200 Euro für EU-Bürger und 150 Euro für Nicht-EU-Bürger. Untergebracht sind die Teilnehmer in einer Herberge in Magdeburg-Westerhüsen. Geleitet werden die Camps von Teamern, die oft selbst frühere Teilnehmer sind. In Magdeburg kümmern sich vier Teamer aus Deutschland und Rumänien um die Gruppe.
Bedeutung für Magdeburg
Die sachsen-anhaltische Landeshauptstadt war schon mehrmals Gastgeberort für ein Volksbund-Jugendcamp. Der Landesvorsitzende Andreas Arnsfeld betont: „Friedhöfe sind nicht nur Orte des Erinnerns, sie sind auch Orte des Lernens. Sie helfen uns, Geschichte zu verstehen und Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen.“ Er lobte den Austausch von Meinungen und Perspektiven und appellierte an die jungen Menschen: „Nutzt diese Zeit gut. Stellt Fragen, hört aneinander zu und lernt voneinander.“ Dieter Steinecke, bis 2023 Vorsitzender des sachsen-anhaltischen Landesverbandes, nennt die Arbeit „Friedensarbeit“ und betont: „Gerade junge Leute müssen ein klares Signal setzen.“



