Millionen Menschen weltweit berichten von Begegnungen mit Verstorbenen
Seit Jahrtausenden berichten Menschen, ihnen nahestehende Verstorbene gesehen, gehört oder gespürt zu haben. Forschende haben jetzt 1300 solcher „Nachtod-Kontakte“ dokumentiert. Die Erklärung kommt ohne Übersinnliches aus.
Als ihre Mutter im August 2023 starb, hinterließ sie „eine Art Vakuum“, sagt Can. „Erst jetzt finde ich wieder Ruhe und Gelassenheit.“ Hin und wieder, ganz unerwartet, spürt sie die Hände ihrer Mutter. „Sie waren sehr weich“, sagt die 43-Jährige aus Hamburg. Das Gefühl sei schwer zu beschreiben – „ein wenig so, als erinnerte ich mich an ihr Wesen.“
Was sind Nachtod-Kontakte?
Nachtod-Kontakte sind subjektive Erfahrungen, bei denen Trauernde das Gefühl haben, mit einem Verstorbenen in Kontakt zu treten. Diese können visuell, auditiv oder taktil sein. Laut einer aktuellen Studie der Universität Helsinki haben rund 60 Prozent der Trauernden solche Erlebnisse. Die Forscher um Dr. Jaakko Erkkilä analysierten 1300 Berichte aus verschiedenen Kulturen.
„Die Erfahrungen sind universell und treten unabhängig von religiösem Hintergrund auf“, erklärt Erkkilä. „Sie sind oft tröstlich und helfen bei der Trauerverarbeitung.“
Psychologische Erklärung ohne Übersinnliches
Die Wissenschaftler betonen, dass es keine übernatürliche Erklärung braucht. Stattdessen handele es sich um ein psychologisches Phänomen: Das Gehirn reagiere auf den Verlust mit starken Erinnerungen und Emotionen. „In akuten Trauerphasen ist das Gedächtnis besonders aktiv“, so Erkkilä. „Das Gehirn projiziert Erinnerungen als reale Sinneseindrücke.“
Ähnlich wie bei Phantomgliedern nach Amputationen entstehe ein Gefühl der Präsenz. Die Studie zeigt, dass 72 Prozent der Betroffenen die Kontakte als positiv bewerten. Nur 8 Prozent empfinden sie als beängstigend.
Kulturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten
Die Forscher fanden heraus, dass die Art der Kontakte kulturell variiert. In westlichen Ländern sind visuelle Erscheinungen häufiger, während in asiatischen Kulturen eher auditive oder olfaktorische Wahrnehmungen gemeldet werden. „Doch die emotionale Wirkung ist überall ähnlich“, sagt Erkkilä.
Can beschreibt ihre Erfahrung als „beruhigend“. Sie fühle sich ihrer Mutter dadurch näher. „Es ist, als ob sie mir sagt, dass alles gut wird.“
Bedeutung für die Trauerbegleitung
Die Ergebnisse könnten die Trauerbegleitung verändern. Bisher würden solche Erlebnisse oft als pathologisch abgetan, kritisiert die Studienautorin Dr. Liisa Vähäkangas. „Dabei sind sie ein normaler Teil der Trauer.“
Die Forscher empfehlen, Betroffenen zuzuhören und die Erfahrungen nicht zu pathologisieren. „Nachtod-Kontakte können helfen, den Verlust zu integrieren“, so Vähäkangas. „Sie sind kein Zeichen von psychischer Störung, sondern von gesunder Trauer.“



