Neun-Christine Müller ist in einem Land geboren, das es nicht mehr gibt. Ihre rosa schimmernde Geburtsurkunde erinnert die 37-Jährige an ihre DDR-Wurzeln. Sie kommt aus dem thüringischen Eisenberg, wächst mit drei Geschwistern auf – und mit Beginn ihrer Jugend ohne Vater. Nach der Trennung der Eltern kümmert sich die Mutter allein um die vier Kinder; Unterhalt zahlt der Vater nicht. Obwohl sie wenig Geld haben, nimmt sie sich nie als arm wahr: In ihrem Umfeld geht es fast allen so wie ihrer Familie.
Studium und Umzug nach Berlin: Der Westen als andere Welt
Zum Studieren geht Müller nach Dresden, weil sie sich andere Städte nicht leisten kann. Sie arbeitet viel, meist mehrere Nebenjobs gleichzeitig. Während sie im Osten 4,50 Euro die Stunde bekam, gab es bei Messen im Westen schon mal 12,50 Euro. Nach dem Studium zieht sie nach Berlin und begegnet dort Menschen, die „diesen Stress nicht hatten“, sondern „viel gechillt“ haben, „weil sie wussten, sie kriegen safe die Eigentumswohnung ihrer Eltern in Prenzl’berg.“
Müller rechnet nicht damit, zu erben. Ihre Großeltern mütterlicherseits waren nach dem Krieg aus Schlesien geflüchtet und hatten es immer schwer. Ihr Opa väterlicherseits war wohlhabend, doch sie und ihre Geschwister erhoben nach seinem Tod keinen Anspruch auf das Erbe, da sie keinen Kontakt zu ihrem Vater haben. Von ihm würde sie „höchstens einen Schuldenberg erben“. Einzig das Haus ihrer Mutter hat einen gewissen Wert, doch es soll der Altersvorsorge der Mutter dienen.
Weniger als zwei Prozent: Die Statistik der Erbschaftsteuer
Ihre Geschichte steht stellvertretend für viele Ostdeutsche: Menschen, die wenig haben und wenig erben werden. Weniger als zwei Prozent Anteil haben die ostdeutschen Bundesländer am Erbschafts- und Schenkungssteueraufkommen. Laut Daten des Statistischen Bundesamts lagen die Erbschaftsteuereinnahmen 2025 in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt bei rund 29 Millionen Euro, in Thüringen bei knapp 38 Millionen Euro. In Brandenburg und Sachsen waren es je etwa 99 Millionen Euro. Zum Vergleich: In Bayern betrugen die Einnahmen mehr als 6,6 Milliarden Euro, in Nordrhein-Westfalen mehr als 2,5 Milliarden und in Baden-Württemberg knapp 1,5 Milliarden Euro.
Markus Grabka vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) sagt, dieses Bild ziehe sich durch die vergangenen 25 Jahre. Einen klaren Aufholprozess könne er nicht erkennen. Die Ursachen seien historisch bedingt: In der sozialistischen DDR propagierte die Staatselite Volkseigentum, privater Vermögensaufbau war nicht vorgesehen. Immobilien zu bekommen war kaum möglich, meist gab es nur Nutzungsrechte. Betriebs- oder Aktienbesitz gab es kaum, und der Staat enteignete Unternehmer regelmäßig.
„Das Entscheidende ist, dass Betriebsvermögen bis heute eine weit geringere Rolle spielt als im Westen“, sagt Grabka. Hinzu komme, dass der Osten historisch bedingt beim Immobilienbesitz hinterherhinke. Nach Angaben der Bundesbank waren 2023 in den westdeutschen Bundesländern 45 Prozent der Bevölkerung Eigentümer, in den ostdeutschen nur 29 Prozent. Viele Immobilien, gerade auf dem Land, seien im Schnitt außerdem viel weniger wert. „Das sind dann Fälle, die gar nicht erst steuerpflichtig werden und somit nicht in der Statistik auftauchen“, so Grabka.
Große Lücke beim Nettovermögen
Ähnlich groß ist die Lücke bei den Nettovermögen: Der Median lag 2023 im Osten bei 35.900 Euro, im Westen bei 143.200 Euro. In den süddeutschen Bundesländern erreichte der Median 188.800 Euro. Der gebürtige Ostberliner Jörn Brien, heute in Wien lebend, erlebt das Vermögensgefälle auch in Österreich: „Hier in Wien erzählen die Leute gern, dass sie in ihr Wochenendhaus fahren. Das kannte ich aus meinem Bekanntenkreis in Ostberlin nicht.“ Der 48-Jährige hat weder ein Haus noch größere Rücklagen, höchstens ein kleines „Sicherheitskissen“. Ein erheblicher Teil seines Geldes fließt in seine Leidenschaftsprojekte Musik und den Blog „D.R.O.B. – Die Demokratische Republik Ost Berlin“. Von seiner Familie erwartet er kein großes Erbe.
Gleichzeitig gebe es ehemalige Klassenkameraden im Osten, die nach der Einheit den Mut fassten, einen Kredit aufzunehmen und ein Haus zu bauen. „Es ist ja nicht so, dass alle extrem mittellos wären“, sagt Brien. Als Kind und Jugendlicher sei er mit dem Bild aufgewachsen, dass im Westen alles schön, bunt und reich sei. „Und wenn man nie rauskommt, verändert sich dieser Blick vielleicht auch nicht.“
Armut gibt es überall – aber die Schere bleibt
Die Schere zwischen Arm und Reich verläuft nicht nur zwischen Ost und West. Der aktuelle Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes zeigt, dass mehr als 13 Millionen Menschen im Land armutsgefährdet sind (16,1 Prozent). Unter den am stärksten betroffenen Bundesländern ist Sachsen-Anhalt mit einer Armutsquote von 21,3 Prozent, an der Spitze steht Bremen mit 27,5 Prozent. Längerfristig habe sich der Arbeitsmarkt in beiden Landesteilen gut entwickelt, sagt Grabka. Von der Anhebung des Mindestlohns habe der Osten stärker profitiert, weil das Lohnniveau niedriger ist. „Häufig reicht das aus, um der Armutsrisikoschwelle zu entgehen.“ In den unteren Lohngruppen sei nun eine Annäherung zu beobachten, kaum mehr Unterschiede zwischen Ost und West. Eher bei den Topqualifizierten, weil größere Firmensitze im Osten viel seltener sind als im Westen.
40 Jahre Sozialismus könne man nicht in einer Generation ausgleichen, sagt Nine Müller. Sie empfinde das nicht als Ungerechtigkeit, sondern als eine Realität, über die man sprechen müsse. „Das ist ja nichts, was man politisch easy adressieren kann, aber gute Visionen, wie man in ein paar Generationen Veränderungen schaffen kann, wären schon wichtig.“ Man dürfe nicht unterschätzen, dass diese Ungleichheit sehr viel Unzufriedenheit hervorrufe.
Lösungsansätze und Perspektiven
Wissenschaftler Grabka schlägt dem Bund vor, wieder eine Eigenheimzulage einzuführen, wie es sie zwischen 1996 und 2005 gab. „Das wäre vor allem bei niedrigen Immobilienpreisen in ländlicheren Regionen von Vorteil“, sagt Grabka. Die Eigentümerquote sei gerade in der Fläche im Osten geringer. Brien findet die Idee gut, hofft aber auch, dass der Osten aus sich heraus eine Stärke entwickelt und sich nicht zum Opfer macht. „Als Jugendlicher war ich neidisch und wäre gern Millionär geworden. So wie es die Prinzen vorgesungen haben“, sagt Brien. Das empfinde er heute nicht mehr so. „Aber klar, vieles würde leichter fallen, wenn man ein größeres Polster hätte.“
Für Nine Müller ist es auch eine Kopfsache: „Lebe ich in einer Problemregion oder in einem Gestaltungsraum? Je nachdem, wie man das wahrnimmt, ändert das die Herangehensweise.“ In ihrem Podcast „Ostwärts“ erzählt sie Geschichten von Menschen, die im Osten etwas bewegen, aber kaum gesehen werden. Für sich selbst sorge sie seit Jahren vor und habe auch deshalb immer so viel gearbeitet, weil sie „weiß, wie scheiße es ist, keine Kohle zu haben“. Zugleich sind ihr die Grenzen klar: Sich mal eine Eigentumswohnung leisten können? Daran glaubt sie im Moment nicht mehr.



