RAW-Gelände in Berlin: Einzigartiger Ort der Freiheit ist bedroht
RAW-Gelände in Berlin: Einzigartiger Ort der Freiheit bedroht

Der Kampf um die Zukunft des RAW-Geländes in Friedrichshain ist für Berlin weit mehr als ein Bezirksthema. Es geht um den Standort und die Identität der Stadt. Die Pläne des Eigentümers, des Unternehmers Kurth, bedrohen die bisherige Nutzung des Areals mit seinen Clubs, Biergärten und kulturellen Angeboten. Der Widerstand formiert sich im Bezirk und in der Club-Szene, doch die Tragweite reicht weit darüber hinaus.

Ein persönlicher Bezug zum RAW

Joachim Fahrun, Chefreporter Landespolitik, bekennt: „Zugegeben, ich bin parteiisch. Ich wohne in Friedrichshain, besuche häufig Konzerte und sitze gerne in Biergärten. Das tue ich oft auf dem RAW-Gelände.“ Das Areal mit seinem Graffiti-Charme und den unebenen Wegen sei der Auslaufplatz für seinen hochverdichteten Kiez. Seine Tochter hüpfte dort im Kinderzirkus, sie kletterte auf den berühmten Betonkegel. Söhne von Freunden sausten durch die Skatehalle. „Insofern habe ich ein persönliches Interesse, dass das RAW-Gelände mit seinen vielfältigen Möglichkeiten erhalten bleibt.“

Bedrohung durch Investorenpläne

Die bisherige Struktur wird nun durch Pläne des Eigentümers bedroht. Normalerweise sei es der Lauf der Dinge, dass zwischengenutzte Flächen entwickelt werden, so Fahrun. Irgendwann wolle ein Eigentümer dann groß bauen und eine Rendite erzielen, die der Immobilienmarkt vorgibt. Der Widerstand gegen die Baupläne, die den Club und Biergarten „Cassiopeia“ und weitere Angebote akut bedrohen, hat sich formiert. Was auf dem Streifen Land zwischen Revaler Straße und Bahnlinie passiert, betrifft jedoch die ganze Stadt.

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RAW als Symbol für Berliner Freiheit

„Dass Berlin als Stadt der Freiheit vermarktet wird, hat mit Orten wie dem RAW zu tun“, betont Fahrun. Kein Mensch komme für das x-te Investorenprojekt mit Studios für Kreative, Systemgastronomie und Luxuswohnungen in die Stadt. Wohl aber zögen jeden Tag viele Tausende zum RAW-Gelände für Rock, Punk und elektronische Musik, für den riesigen Flohmarkt und für frisch vor Ort gebrautes Bier. Die Menschen liebten das RAW so, wie es ist. Dass am Rande ein paar Neubauten das Ensemble abrunden, sei völlig in Ordnung. Was die Eigentümer aus der Familie Kurth jetzt vorhaben, gehe weit darüber hinaus.

Berlin verspielt seine Einzigartigkeit

Berlin müsse aufpassen, dass es seine Einzigartigkeit nicht verliere. Diese zeige sich in der Wildheit von Orten wie dem RAW. „Warum sollten junge IT-Talente und Biotech-Helden nach Berlin kommen, wenn es hier so aussieht wie in London oder Brüssel?“, fragt Fahrun. Die Möglichkeiten, die Orte wie das RAW bieten, seien relevant für Berlins wirtschaftliche Entwicklung. Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD) werbe im Ausland stets auch mit dem Nachtleben und der Lebensqualität. Es sei nicht nur wichtig, was zwischen 9 und 5 am Tage passiere, sondern auch, was zwischen 5 und 9 nachts abgehe. Leider sehe es so aus, als werde da in den nächsten Jahren immer weniger los sein.

Autobahnpläne und Investorenträume

Wirtschaftsförderer sagten Fahrun unter der Hand, eine Autobahnverlängerung von Treptow durch Friedrichshain werde mehr schaden als nutzen, weil sie zahlreiche Clubs und Kreativorte zerstöre. Wenn man sowieso auf eine Autobahn gucken müsse, könne man auch anderswo für mehr Geld anheuern. Berlin sei an vielen Orten dabei, seinen aus der wilden Wendezeit geborenen Nimbus als „unique selling point“ unter den Metropolen zu verspielen.

Kardinalfehler der Vergangenheit

Fahrun möchte nicht beurteilen, wer wann im Zuge der jahrelangen Verhandlungen um das RAW etwas falsch gemacht habe. Der Kardinalfehler war natürlich, dass die Stadt Berlin vor Jahren das Areal nicht direkt von der Bahn für den heute lächerlich erscheinenden Preis von 500 Euro pro Quadratmeter erworben hat. Jetzt sind die Verhandlungen mit Eigentümer Kurth verfahren, Baurecht gibt es keines, aber auch eine gemeinsame Strategie für eine behutsame Entwicklung steht in den Sternen.

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Lehren aus der Mediaspree-Schlacht

Es dürfte jedoch schwierig werden, irgendwelche Bauprojekte gegen den Widerstand des Bezirks und der Nachbarschaft durchzuziehen. Unvergessen, dass 2008 die Initiative „Mediaspree versenken“ 87 Prozent der Abstimmenden in Friedrichshain-Kreuzberg gegen Investorenpläne auf dem nahe gelegenen ehemaligen Mauerstreifen an der Spree mobilisierte. Wer heute mit zahlreichen Touristen und Kiezbewohnern am Wasser flaniert, muss allen dankbar sein, die die Hochhauspläne dort verhindert haben. Wenn das RAW verschwindet, werden wir uns alle in wenigen Jahren fragen, wo eigentlich der besondere Berliner Charme geblieben ist.