Es gibt Konzertorte, die schlucken die Energie einer Band, und es gibt Orte, die laden sie magisch auf. Wenn System of a Down nach Jahren der Live-Abstinenz die monumentale Bühne im Berliner Olympiastadion betreten, entsteht vom ersten Akkord an eine fast greifbare, ideologische Reibung. Über 70.000 Menschen haben am Mittwochabend das weite Rund bis unter das Dach gefüllt. Sie warten, sind durstig, hungrig, ungeduldig, nach fast zehn Jahren eine der größten und gleichzeitig geheimnisvollsten Metal-Bands der Welt wieder zu erleben.
Eine Bühne der Kontraste
Das Olympiastadion, erbaut für die Olympischen Spiele 1936 unter dem NS-Regime, ist ein Ort mit schwerer historischer Last. Genau diese Atmosphäre nutzt die Band um Sänger Serj Tankian, um ihre antifaschistische Haltung zu unterstreichen. Zwischen Nazi-Protz und Rebellion entfaltet sich ein Abend, der weit über ein reines Konzert hinausgeht. Die Band, bekannt für ihre politischen Texte, die sich gegen Krieg, Unterdrückung und Ungerechtigkeit richten, findet in diesem Stadion eine Bühne, die ihre Botschaften noch verstärkt.
Schon die ersten Klänge von „Suite-Pee“ lassen die Menge toben. Tankian, in typischer Manier, springt über die Bühne, gestikuliert wild und singt mit einer Intensität, die an die frühen Tage der Band erinnert. Die Setlist ist eine Reise durch die Diskografie, von Hits wie „Chop Suey!“ und „Toxicity“ bis zu tieferen Album-Tracks, die die politische Agenda der Band unterstreichen. Besonders „B.Y.O.B.“, eine Abrechnung mit dem Irakkrieg, und „Holy Mountains“, ein Lied über den Völkermord an den Armeniern, treffen auf eine tiefe Resonanz im Publikum.
Ein Hochamt des Antifaschismus
Die Band scheut sich nicht, ihre politische Haltung deutlich zu machen. Zwischen den Songs richtet Tankian das Wort an die Menge: „Es ist wichtig, dass wir uns erinnern, wofür dieses Stadion steht. Aber es ist noch wichtiger, dass wir heute hier sind, um zu zeigen, dass wir für eine bessere Welt kämpfen.“ Die Menge antwortet mit Jubel und erhobenen Fäusten. Es ist ein Moment der Gemeinschaft, der über die Musik hinausgeht.
Die Bühnenshow ist minimalistisch, aber effektiv. Riesige Banner mit politischen Botschaften werden herabgelassen, darunter „Krieg ist nicht die Antwort“ und „Solidarität mit den Unterdrückten“. Die Band verzichtet auf aufwendige Pyrotechnik oder Videowände; stattdessen steht die Musik und die Botschaft im Vordergrund. Das Lichtspiel ist jedoch meisterhaft, es unterstreicht die emotionalen Höhen und Tiefen der Songs.
Die Rückkehr einer Legende
Nach fast zehn Jahren Pause von europäischen Bühnen ist die Vorfreude riesig. System of a Down, die sich in den letzten Jahren vor allem auf vereinzelte Festivalauftritte in Nord- und Südamerika konzentriert haben, beweisen, dass sie nichts von ihrer Live-Power eingebüßt haben. Die Band um Tankian, Gitarrist Daron Malakian, Bassist Shavo Odadjian und Schlagzeuger John Dolmayan spielt straff und energiegeladen. Malakian, der neben Tankian die zweiten Vocals übernimmt, liefert eine furiose Performance ab, die die härteren Momente des Sets trägt.
Das Publikum ist ein Querschnitt durch die Fanszene: von älteren Anhängern, die die Band seit den 90ern verfolgen, bis zu jungen Leuten, die sie vielleicht nur von Streaming-Diensten kennen. Alle eint die Begeisterung für eine Band, die sich nie hat vereinnahmen lassen und die kompromisslos ihren Weg geht.
Fazit: Ein Abend, der bleibt
System of a Down im Olympiastadion – das war mehr als ein Konzert. Es war ein Statement. Die Band hat gezeigt, dass sie nicht nur musikalisch, sondern auch politisch relevant ist. In einer Zeit, in der rechte Strömungen weltweit erstarken, setzen sie ein Zeichen für Toleranz und Widerstand. Die 70.000 Fans, die am Mittwochabend dabei waren, werden diesen Abend nicht vergessen. Es war ein Hochamt des Antifaschismus, in einer Kathedrale des Sports, die einst für das Gegenteil stand.



