TikTok-Trends wie Bonesmashing setzen Jugendliche massiv unter Druck, fragwürdige Männlichkeitsideale zu erfüllen. Der 15-jährige Elias schlägt sich fast jeden Morgen mit einem Hammer auf die Gesichtsknochen, in der Hoffnung, dass kleine Frakturen die Knochen kantiger zusammenwachsen lassen. „Am Anfang hat es weh getan, aber jetzt nicht mehr wirklich“, sagt er der Deutschen Presse-Agentur. Sein Name wurde geändert.
Bonesmashing und andere gefährliche Trends
Bonesmashing, rohe Eier trinken, exzessives Training – auf TikTok propagieren Influencer aus der sogenannten Manosphere ein frauenfeindliches Männlichkeitsbild. Die App zeigt Elias jedes dritte bis vierte Video mit solchen Inhalten. Er verbringt täglich bis zu acht Stunden auf TikTok. „Das macht irgendwas mit mir“, gibt er zu. Der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurg Jörg Wiltfang vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein erklärt, dass Mikrofrakturen beim Bonesmashing sehr unwahrscheinlich seien: „Entweder bricht der Knochen oder nicht.“ Sichtbare Veränderungen seien Folge von Weichteilschwellungen, nicht von Knochenveränderungen. „Wir raten davon ab.“
Workshops an Schulen als Gegenmittel
Der Berliner Pädagoge Maximilian Schneider vom Verein „Gesicht Zeigen!“ geht in Schulen, um mit Jugendlichen über Identität, Diversität und Geschlechterrollen zu sprechen. Im Rahmen des Projekts „Die Freiheit, die ich meine“ begleitet er Neuntklässler ein halbes Jahr lang, zwei Schulstunden pro Woche. Viele Jungs hätten das Gefühl, Männer würden benachteiligt, auch wegen des Feminismus. Auf TikTok fänden sie scheinbar einfache Antworten. „Du bist kein Einwechselspieler, du bist der Stürmer“, schreit ein muskulöser Mann. „Frauen wollen von dir dominiert werden“, erklärt ein anderer. Manche rufen dazu auf, die Partnerin mindestens einmal pro Woche zu schlagen.
Auswirkungen auf Jugendliche
Laut einer von der EU-Kommission beauftragten Umfrage verbringen Jugendliche unter der Woche durchschnittlich 4,5 Stunden und an Wochenendtagen 6,1 Stunden vor Bildschirmen. Der TikTok-Algorithmus zeigt Jungen, die sich für Fitness oder Luxusautos interessieren, verstärkt Inhalte der Manosphere an, wie Analysen des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) zeigen. Elias hat mit 11 Jahren mit Fußball aufgehört, weil Männer auf TikTok sagten, das sei schwul. Jetzt boxt er. „Ich finde es auch bisschen schwer, rauszufinden, wer ich selber bin, weil ich mich auch sehr viel mit anderen vergleiche wegen TikTok.“ Sein Mitschüler Levin stand in der siebten Klasse um 5:30 Uhr auf, um joggen zu gehen – nur weil er es auf TikTok gesehen hatte. „Es gibt viele Videos, die dein Denken verändern.“
Erfolge des Workshops
Schneider betont, es sei wichtig, Jugendliche nicht zu verurteilen. „Wir wünschen uns, dass Jugendliche eine Chance bekommen, ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln.“ Die Georg-Weerth-Schule in Berlin-Friedrichshain ist eine von drei Schulen, an denen das Projekt läuft. Elias sagt: „Bei mir hat das bisschen meine Sichtweise auf eine Beziehung verändert. Davor habe ich immer so gedacht, sie darf keine Jungsfreunde haben. Nach dem Workshop ist mir das eigentlich egal.“ Levin hat gelernt, Dinge zu hinterfragen: „Auf TikTok haben Männer erklärt, man müsse immer stark sein. Das ist Quatsch.“ Auch Männer, die weinen, sollten kein Tabu sein. „Ich glaube, andere Jungs bräuchten das auch.“



