26 Jahre lang hat Sophie R. (42) getrunken, die Sucht hatte sie fest im Griff. Sie hat nur nie verstanden, wieso sie nicht davon loskommen konnte – bis zu ihrer ADHS-Diagnose im März 2026. „Ich dachte jahrelang, ich bin einfach willensschwach“, sagt die Mutter einer kleinen Tochter heute.
Der Wendepunkt: Eine leere Weinflasche
Als Sophie mit Anfang 20 abends allein zu Hause sitzt, passiert etwas, das sie bis heute nicht vergessen hat. Die Weinflasche ist plötzlich leer. Eigentlich wollte sie längst schlafen, stattdessen zieht sie noch einmal ihre Jacke an und geht los, um Nachschub zu kaufen. Auf dem Weg wird ihr zum ersten Mal klar, dass sie ein Problem hat. „Irgendwas läuft hier falsch“, denkt sie damals. Trotzdem wird sie noch viele Jahre weitertrinken.
Immer wieder versucht sie aufzuhören, macht Entwöhnungen, probiert Hypnose und Online-Programme aus. Sie schafft es sogar mehrfach, über längere Zeit abstinent zu bleiben. Der Alkohol verschwindet dadurch zwar aus ihrem Alltag, aber der innere Kampf bleibt. Immer wieder macht sie sich Vorwürfe und fragt sich, warum ausgerechnet sie es nicht schafft.
Alkohol als Medikament gegen ADHS
Erst viele Jahre später versteht sie, was in ihrem Kopf eigentlich passierte. Rückblickend habe der Alkohol ihr etwas gegeben, wonach sie sich ihr ganzes Leben gesehnt habe: Ruhe. Plötzlich hätten die kreisenden Gedanken aufgehört, Reize seien nicht mehr ungebremst auf sie eingeprasselt und sie habe sich endlich strukturieren und konzentrieren können. „Heute kann ich das endlich einordnen“, sagt sie. „Der Alkohol hat mich nicht nur entspannt – er hat meinen Kopf ruhig gemacht.“
Autorin Gaby Guzek erlebt dieses Phänomen immer wieder. Menschen mit ADHS hätten einen chronischen Dopamin-Mangel, erklärt sie. Dopamin sei der Botenstoff, der Motivation und Belohnung steuere. Alkohol und andere Suchtmittel würden diesen Spiegel kurzfristig anheben. Das Gehirn lernt blitzschnell: Damit geht es mir besser. Genau deshalb fühlten sich viele Betroffene nach dem ersten Glas oder dem ersten Joint zum ersten Mal ruhig und ausgeglichen. „Das wirkt wie ein Medikament – trügerisch und schädlich, aber zunächst wirksam gegen die ADHS-Symptome“, sagt Guzek.
Die Diagnose verändert alles
Im März 2026 bekommt Sophie die Diagnose ADHS. Sie weinte – vor Erleichterung und aus Traurigkeit über die vielen Jahre, in denen sie sich selbst für falsch gehalten hatte. Zum ersten Mal ergibt ihr Leben Sinn. Die Unruhe als Kind, das ständige Fingernägelkauen, die Schwierigkeiten, sich auf Aufgaben zu konzentrieren, die unzähligen Hobbys, die sie voller Begeisterung begann und schnell wieder aufgab – ihr „Hobby-Friedhof“, wie sie heute schmunzelnd sagt. Vor allem aber versteht sie endlich, warum sie sich ihr Leben lang minderwertig fühlte. Statt sich zu verurteilen, habe sie heute Mitgefühl für sich selbst.
Für Sophie verändert dieses Wissen alles. Während sie früher jede Suchtdruck-Situation als persönliches Versagen empfand, kann sie heute anders darauf reagieren. „Wenn er kommt, denke ich heute: Aha, meinem Gehirn fehlt gerade Dopamin.“ Allein dieser Perspektivwechsel habe ihr enorm geholfen. Seit zwei Monaten lebt sie abstinent. Sie weiß, dass ihre Alkohol-Sucht sie ein Leben lang begleiten wird und es keine Garantie gegen Rückfälle gibt. Trotzdem fühlt sie sich so zuversichtlich wie nie zuvor. Die Selbsthilfegruppe, das Verständnis für ihre Erkrankung und das neue Verständnis für sich selbst hätten ihr Leben verändert. „Der Druck, immer alles schaffen zu müssen, ist weg. Auch das Minderwertigkeitsgefühl verschwindet langsam.“
Warum klassische Suchttherapien oft scheitern
Dass viele Therapien bei Menschen wie Sophie scheitern, überrascht Guzek nicht. Klassische Suchtprogramme verlangten genau die Fähigkeiten, mit denen Menschen mit ADHS oft Probleme hätten: Geduld, Struktur, Konsequenz und viel Selbstreflexion. Ohne die zugrunde liegende ADHS mitzubehandeln, scheitere die Therapie deshalb häufig nicht am fehlenden Willen, sondern am falschen Ansatz. Aus ihrer Sicht sollte jede Suchtambulanz Betroffene grundsätzlich auf ADHS testen.
Heute spricht Sophie auf Instagram offen über ihre Geschichte. Nicht, weil sie in der Vergangenheit leben möchte, sondern weil sie hofft, anderen einen langen Leidensweg zu ersparen. Vielleicht erkenne sich jemand in ihrer Geschichte wieder. Vielleicht suchten Eltern für ihr Kind endlich Hilfe. Wenn sie der jungen Frau begegnen könnte, die damals mit Schuldgefühlen zur Flasche griff, würde sie ihr heute sagen: „Jetzt kannst du gerade nicht anders. Doch es kommt der Tag, an dem du es kannst. Versprochen.“



