Kurzsichtigkeit bei Kindern in Deutschland: Keine Epidemie, Plateau erreicht
Kurzsichtigkeit bei Kindern: Keine Epidemie in Deutschland

Stabile Sehkraft trotz Bildschirmzeiten

Die Sehkraft ganzer Gesellschaften hat sich in den vergangenen Jahrzehnten rasant verschlechtert – doch Deutschland scheint eine Ausnahme zu sein. Ein Forschungsteam um Wolf Lagrèze von der Uniklinik Freiburg berichtet im Fachjournal „Frontiers in Public Health“, dass bei Kindern und Jugendlichen mit Brille in den letzten 25 Jahren keine Zunahme der Kurzsichtigkeit mehr festzustellen ist. Offenbar mildern regionale Umwelt- und Lebensstilfaktoren die globalen Trends zur Kurzsichtigkeit hierzulande wirksam ab.

Datenbasis: 1,25 Millionen Brillenverordnungen

Das Team analysierte rund 1,25 Millionen Brillenverordnungen von etwa 437.700 Kindern und Jugendlichen im Alter von 3 bis 18 Jahren aus den Jahren 2001 bis 2025. Als kurzsichtig galt ein Auge bereits ab einem Wert von minus 0,50 Dioptrien oder mehr. „Entgegen der weit verbreiteten Annahme einer sich rapide beschleunigenden globalen Myopie-Epidemie fanden wir zwischen 2001 und 2025 keinen Anstieg der myopen Brillenverordnungen“, so die Autoren.

Keine Beschleunigung der Kurzsichtigkeit

Die Daten zeigen, dass Menschen in Deutschland nicht beschleunigt kurzsichtiger werden. Der mittlere Wert und die Wahrscheinlichkeit, wegen Kurzsichtigkeit eine Brille zu erhalten, blieben weitgehend stabil. Bei jüngeren Jahrgängen zeigte sich sogar eine leichte Tendenz zur Weitsichtigkeit. Brillen werden heute zwar im Mittel in jüngerem Alter erstmals verschrieben, was jedoch auf eine gestiegene Aufmerksamkeit und frühere Verschreibung bereits bei niedrigen Werten zurückgehen könnte.

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Globale Trends: Asien vs. Europa

In Ostasien war der Anstieg der Kurzsichtigkeit immens: Der Anteil Kurzsichtiger bei jungen Erwachsenen stieg von 20 bis 40 Prozent vor dem Zweiten Weltkrieg auf 60 bis 90 Prozent heute. In Europa verlief die Entwicklung langsamer; Prognosen zufolge pendelt sich der Anteil Kurzsichtiger bei etwa 40 Prozent ein. Die Forscher betonen, dass die extreme Intensität der schulischen Ausbildung und der Mangel an Zeit im Freien in Ostasien den Trend begünstigen. Im deutschen System und Lebensstil seien diese Faktoren weniger ausgeprägt oder würden besser ausgeglichen.

Corona-Pandemie ohne Einfluss

Das Team fand keinen Hinweis auf ein Myopie-Plus im Zuge der Corona-Pandemie. „Dies widerlegt die Befürchtung, dass die Covid-19-Pandemie und die zunehmende Digitalisierung in Deutschland einen Anstieg der Kurzsichtigkeit während der Quarantäne ausgelöst haben, wie er in anderen, vorwiegend asiatischen Studien berichtet wurde“, erklären die Forscher.

Bildschirmzeit: Die Dosis macht das Gift

Schon manche Dreijährige werden täglich vor Smartphone- oder Tablet-Bildschirme gesetzt, was der Sehkraft lebenslang schaden kann. Analysen zufolge steigt das Risiko für Kurzsichtigkeit bei bis zu etwa einer Stunde Bildschirmzeit pro Tag kaum; danach bedeutet jede weitere Stunde ein deutliches Risikoplus von etwa 20 Prozent. Ab etwa fünf Stunden flacht die Kurve ab. Entscheidend ist der Abstand zum Auge: Die Zeit am Smartphone, das oft 20 Zentimeter oder näher vor den Augen gehalten wird, hat besonders großen Einfluss. Ständiges Nahsehen führt zu einer Anpassungsreaktion, bei der der Augapfel in die Länge wächst, sodass entfernte Objekte unscharf gesehen werden. Kurzsichtigkeit ist nicht umkehrbar.

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