Gesundheitsamt bestätigt Legionellen als Todesursache
Die beiden Todesfälle in einem Seniorenwohnheim der landeseigenen Gesellschaft Berlinovo in Berlin-Tegel sind eindeutig auf Legionellen zurückzuführen. Das bestätigte das Gesundheitsamt Reinickendorf gegenüber dem Tagesspiegel. Amtsleiter Patrick Larscheid erklärte: „Der Tod an einer durch Legionellen hervorgerufenen Lungenentzündung ist meldepflichtig, insofern erübrigt sich die Untersuchungsnotwendigkeit durch das Gesundheitsamt, der Zusammenhang ist in solchen Fällen evident und sicher.“
Die beiden Bewohner der Seniorenanlage waren in den vergangenen Tagen verstorben. Drei weitere erkrankte Bewohner konnten aus dem Krankenhaus entlassen werden. Der wiederholte Legionellenbefall in dem Berlinovo-Haus war nur aufgefallen, weil fünf Mieter ins Krankenhaus eingeliefert wurden und die Fälle dem Gesundheitsamt gemeldet wurden.
Berlinovo äußert sich widersprüchlich
Die Berlinovo hatte am Mittwoch noch erklärt, ob die Krankenhausaufenthalte und Todesursachen im Zusammenhang mit den Legionellen stünden, sei „Gegenstand der laufenden Untersuchungen“. Nach den Angaben des Gesundheitsamtes hat sich dies nun offenbar erübrigt. Ein Berlinovo-Sprecher erklärte jedoch auch am Donnerstag erneut, es sei nicht klar, ob die Krankenhausaufenthalte und Todesursachen im direkten Zusammenhang mit den Legionellen stehen. Diese widersprüchlichen Aussagen werfen Fragen auf.
Bereits im Januar Legionellenbefall
Das Legionellen-Problem besteht laut Amtsarzt Larscheid schon länger. Bereits im Januar sei das Gesundheitsamt Reinickendorf „im Rahmen der Informationspflichten im Infektionsschutzgesetz über einen Legionellenbefund“ informiert worden. Larscheid bestätigte Tagesspiegel-Informationen, wonach auch im Januar ein Bewohner wegen Legionellenbefalls erkrankt war. Ärzte und Labor sind nach dem Infektionsschutzgesetz verpflichtet, solche durch Legionellen verursachte Erkrankungen und Todesfälle den Gesundheitsämtern zu melden.
„Bei einem entsprechenden Befund in der jeweiligen Installation wird der Unternehmer oder sonstige Inhaber der Installation dann über Abweichungen und zu treffende Maßnahmen informiert“, sagte Larscheid. Ob die Berlinovo nach dem ersten Fall im Januar genügend unternommen hat, um den Legionellenbefall zu beenden und die Bewohner zu schützen, wollte der Amtsarzt nicht sagen. Er erklärte lediglich: „Inwieweit der Betreiber seinen Betreiberpflichten und -fristen nachgekommen ist, können wir wegen seines Schutzbedürfnisses nicht öffentlich kommunizieren.“
Technisch gemeinsame Wasseranlage
Ein weiterer Aspekt weckt Zweifel daran, dass die Berlinovo den Fall vom Januar ernst genug genommen hat. Am Mittwoch hatte ein Sprecher den Eindruck erweckt, dass der Vorfall im Januar mit dem neuen Legionellenbefall und den Todes- und Krankheitsfällen nichts zu tun habe. Er verwies darauf, dass damals das Problem mit den üblichen Maßnahmen gelöst worden sei und der neue Fall einen anderen Hausaufgang betreffe. Tatsächlich befindet sich die Seniorenwohnanlage in einem einzigen Gebäude. Die 93 Apartments sind über zwei Hausnummern und Aufgänge verteilt, teilen sich jedoch eine Wasseranlage. „Die Trinkwasserinstallation in den Hausnummern ist technisch eine gemeinsame Anlage“, sagte Amtsarzt Larscheid. Dafür spricht auch, dass laut Berlinovo-Sprecher nach Bekanntwerden des neuerlichen Befalls alle Mieter der insgesamt 93 Apartments informiert wurden.
Polizei ermittelt nicht, Aufsichtsrat informiert
Die Frage, ob Berlinovo eine Mitschuld an den beiden Todesfällen trägt, wollte Amtsarzt Larscheid nicht beantworten. Dies liege „außerhalb des medizinischen Zuständigkeitsbereiches von Gesundheitsämtern“. Die Polizei sei über die Todesfälle nicht informiert worden, dafür existiere keine Grundlage. Die Polizei ermittelt nach Angaben einer Sprecherin bislang nicht in dem Fall.
Unklar ist, ob Finanzsenator und Berlinovo-Aufsichtsratschef Stefan Evers (CDU) rechtzeitig und vollständig von Unternehmenschefin Caroline Oelmann über die Umstände informiert worden ist. Nach Tagesspiegel-Informationen wurde er erst am Dienstagabend in Kenntnis gesetzt. Am Mittwoch sagte Evers nach einem Besuch der Wohnanlage: „Der Schutz der Menschen und erst recht vulnerabler Gruppen in unseren Beständen hat für mich als Aufsichtsratsvorsitzenden oberste Priorität. Es wurde zügig gehandelt und eine größere Infektionsgefahr verhindert. Von der Geschäftsführung erwarte ich, dass der Vorfall schnellstmöglich aufgeklärt und umfassend aufgearbeitet wird.“
Weitere Wasserproben werden analysiert
Am Donnerstag prüft das Gesundheitsamt nach Angaben von Berlinovo die Lage vor Ort und entnimmt Wasserproben. Die Proben aus den Leitungen würden dann in den nächsten Tagen analysiert, sagte ein Berlinovo-Sprecher. Die Wohnungsbaugesellschaft werde dann vom Gesundheitsamt informiert. Wenn die Wasserproben frei von Legionellen seien, könne Entwarnung gegeben werden.
Hintergrund: Legionellen und Übertragung
Legionellen sind Bakterien, die auf Menschen übertragen werden können, wenn sie über zerstäubtes Wasser in die Luft und die Lunge gelangen. Das kann durch Duschen, Luftbefeuchter oder über Wasserhähne geschehen. Bei Menschen können Legionellen grippeartige Beschwerden bis hin zu schweren Lungenentzündungen auslösen. Besonders anfällig sind Menschen mit einem geschwächten Immunsystem, Herz- und Lungenleiden sowie alte Menschen.
Nach Bekanntwerden des Befalls am 8. Juli war allen Bewohnern das Duschen zunächst nicht mehr erlaubt, Leitungen wurden desinfiziert. In Duschen und Wasserhähne wurden tagelang Filter eingebaut. Das Gesundheitsamt verbot, Wasserleitungen ohne Filter zu benutzen. Die Betreiber des Hauses stellten Trinkwasser in Flaschen bereit.



