In der aktuellen Diskussion über eine Gesundheitsreform wird oft das System in Schweden als Vorbild genannt. Doch eine Studie warnt davor, dieses in Deutschland zu übernehmen. Die Untersuchung „Don’t Try This at Home“ der schwedischen Politikwissenschaftlerin Lisa Pelling und ihrer Kollegin Mia Laurén, die von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Auftrag gegeben wurde, zeigt gravierende Probleme auf.
Alltägliche Schreckensmeldungen aus Schweden
Es sind solche Meldungen aus Västerbotten, Jonköping und Trollhättan, die in Schweden inzwischen alltäglich sind: Ein Mann, der wegen Kopfschmerzen medizinische Hilfe suchte, wurde aus der Notaufnahme nach Hause geschickt – und starb später an einer unentdeckten Hirnblutung. Eine Patientin, die wegen Schwindel in ein Krankenhaus eingeliefert worden war, wurde später leblos aufgefunden, weil sich ein Venenkatheter geöffnet hatte – offenbar hatte die Aufsicht versagt. Ein anderer Hilfesuchender rief die ärztliche Hotline an und klagte über Brustschmerzen. Er verstarb an einem Herzinfarkt, weil ein Krankenwagen erst viel später kam. Angesichts solcher und zahlreicher ähnlicher Zwischenfälle steht eine Verbesserung des Gesundheitssystems bei der Bevölkerung ganz oben auf der Liste der wichtigen Themen, wenn im Herbst beim skandinavischen Nachbarn gewählt wird.
Lange Wartezeiten trotz gesetzlicher Fristen
Laut Statistiken des Verbandes für Gemeinden und Regionen SKR hatten rund 50.000 Menschen, die operiert werden mussten, länger als die vom Staat garantierte Frist von 90 Tagen auf eine Behandlung gewartet. Das galt auch für 135.000 Erkrankte, die innerhalb dieser Frist einen Termin bei einem Facharzt hätten erhalten sollen. Die christdemokratische Gesundheitsministerin Elisabet Lann bestätigte kürzlich in einem Interview der Zeitschrift des schwedischen Ärzteverbandes „Läkartidningen“, dass das größte Problem im Gesundheitswesen die Primärversorgung sei. Denn schon der Zugang ist problematisch.
Hausarztsystem abgeschafft
Ein Hausarztsystem wie in Deutschland gibt es nicht mehr. An dessen Stelle wurden Gesundheitszentren etabliert. Hilfesuchende müssen dort in der Regel anrufen, um einen Termin auszumachen. Eine medizinische Fachkraft vergibt dann einen Termin oder rät dazu, noch abzuwarten, wenn die geschilderten Symptome eine Behandlung bisher nicht rechtfertigen würden. Geht man direkt zu den Zentren, kann es sein, dass man dort abgewiesen wird. Eine andere Möglichkeit sind die Notaufnahmen der Krankenhäuser – mit Wartezeiten von bis zu über 20 Stunden und auch hier der Gefahr, abgewiesen zu werden.
Zur Nachahmung nicht empfohlen
Dabei galt Schweden lange Zeit als Vorbild, was die komplett über Steuern finanzierte medizinische Versorgung angeht. „Das hat sich aber radikal verändert, und über diese Veränderungen und die entsprechenden Konsequenzen ist man sich in Deutschland möglicherweise nicht ganz bewusst“, sagt Lisa Pelling. Die Studie warnt ausdrücklich davor, in Deutschland ein ähnliches System einzuführen. Einer der wichtigsten Kritikpunkte: die zu starke Privatisierung des Gesundheitssystems, die zu Versorgungsknappheit geführt habe. „Man hat die Idee gehabt, aus den medizinischen Versorgungszentren Unternehmen zu machen, die in Konkurrenz stehen, um eine höhere Effizienz zu erzielen, etwa dadurch, dass Leute schneller aufgenommen und behandelt werden, und das zu niedrigeren Kosten.“
Private Träger auf dem Vormarsch
Tatsächlich, so die Chef-Analystin bei Arena Idea, einem in Stockholm ansässigen Thinktank eines Netzwerks von Gewerkschaften, Nichtregierungsorganisationen sowie Unternehmen, hätten private Investoren Gesundheitszentren dort etabliert, „wo es sehr profitable Patienten gibt, etwa in Innenstädten mit meist jüngeren Menschen“. Dies habe anderen Regionen, wo der Versorgungsbedarf höher ist, Ressourcen entzogen. In Stockholm beispielsweise liegen 71 Prozent der Gemeinschaftspraxen in privater Hand. Stand 2025 gab es über 1.200 Zentren in Schweden. Etwas über die Hälfte davon wurde direkt von den Kommunen betrieben, der Rest von privaten Trägern, die hauptsächlich zu großen Trusts gehören. „Das ist quasi ein Oligopol“, kritisiert die Politikwissenschaftlerin. Einer der großen Player in diesem Bereich ist beispielsweise Ramsay Santé. Der Konzern betreibt über 100 Standorte in Schweden und gehört zur australischen Ramsay Health Care und betreibt Hunderte Kliniken und Zentren in ganz Europa.
Organisierte Kriminelle profitieren
Expertin Pelling weist außerdem darauf hin, dass die organisierte Kriminalität, die in Schweden sowieso auf dem Vormarsch ist, das schwedische Gesundheitssystem zunehmend für systematische Abrechnungsbetrügereien nutze. Banden unterwanderten privat betriebene Gesundheitszentren und Pflegedienste, um illegale Drogengelder zu waschen und unberechtigt Steuergelder aus dem staatlich finanzierten Wohlfahrtssystem abzugreifen. „Es ist klar, dass man genau überlegen muss, wie die Ressourcen verteilt werden, weil sie nicht unendlich sind“, betont die Analystin. Aber die Frage ist, wer darüber entscheidet, wer welche Gesundheitsleistung bekommt. Wenn man diese Entscheidung privaten, gewinnorientierten Firmen überlässt, dann führe das zu Überkonsum. Es sei fast unmöglich, das zu verhindern, warnt Pelling. „Deswegen wäre mein dringender Rat an deutsche Politiker: Es müssen immer Kontrollmechanismen darüber wachen, dass die Gesundheitsleistungen stets nach medizinischem Bedarf verteilt werden, und nicht danach, womit die größten Gewinne erzielt werden können.“
Kritik am kommunalen Prinzip
Neben der voranschreitenden Privatisierung steht auch das kommunale Prinzip in der Kritik. „21 selbstverwaltete Regionen sind dysfunktional, führen zur Verschwendung von Steuergeldern und zu ungleicher Gesundheitsversorgung“, beklagt die ehemalige Gesundheitsministerin Acko Ankarberg Johansson. Die christdemokratische Partei KD fordert deshalb seit Längerem eine stärkere staatliche Kontrolle des Gesundheitswesens. Sie möchte die Verantwortung der Regionen deutlich reduzieren oder ganz abschaffen.



