Nichte von Abderrahim Fakir spricht öffentlich
Nach dem Tod ihres Onkels Abderrahim Fakir bei einem umstrittenen Einsatz der italienischen Polizei hat sich seine älteste Nichte Yossra Fakir zu Wort gemeldet. Wie die italienische Zeitung „La Repubblica“ berichtete, sprach sie am Montag bei einer Kundgebung in Bologna und am Dienstag bei einer Liveschalte vor dem Senat in Rom.
„Mein Onkel ist keine Nummer“
„Mein Onkel ist keine Nummer, kein Fall“, sagte Yossra Fakir laut der Zeitung. „Er ist ein Mensch, mit einem Leben und einer Familie. Was passiert ist, darf nicht als bloßer Fehler oder unglücklicher Zufall abgetan werden.“ Der gebürtige Marokkaner Abderrahim Fakir war am Sonntag auf einer Straße in Bologna ums Leben gekommen. Ein von einem Nachbarn gefilmtes Video zeigt, wie er von zwei Polizisten auf den Boden gedrückt wird, während seine Hände auf dem Rücken mit Handschellen gefesselt sind. Mehrfach ruft er: „Hilfe! Genug, genug!“ Obwohl auf dem Video keine weitere Gefahr durch Fakir ersichtlich ist, drücken die Beamten ihn nach unten, bis er immer leiser wird. Erst nach mehreren Minuten lassen sie von ihm ab; zu diesem Zeitpunkt bewegt sich Fakir bereits nicht mehr. Gegen zwei Polizisten und vier Sanitäter, die nicht eingegriffen hatten, laufen Ermittlungen.
Forderung nach Aufklärung und Gerechtigkeit
„Wenn ein Mensch um Hilfe ruft, wenn er schreit, muss jemand eingreifen. Und wenn das nicht geschieht, ist es richtig, nach dem Warum zu fragen“, wird Yossra Fakir von „La Repubblica“ zitiert. „Wir wollen die Wahrheit, wir wollen verstehen, was passiert ist, und wir wollen, dass die Verantwortlichkeiten geklärt werden.“ Dies sei eine Frage der Gerechtigkeit und des Respekts ihrem Onkel gegenüber. „Seine Stimme ist nicht mehr da, aber unsere schon“, sagte sie. Der 42-jährige Fakir lebte seit seiner Kindheit in Italien, hatte gültige Papiere und war Inhaber einer kleinen Putzfirma. Laut „La Repubblica“ hatte er sich rund 40 Tage in einem Zustand von Verwirrtheit befunden und die von einem psychiatrischen Zentrum verschriebenen Medikamente nicht eingenommen. Die Polizei war ersten Erkenntnissen zufolge am Sonntag über den Notruf 112 in den Stadtteil Pilastro gerufen worden, weil ein Mann dort randaliere. Beim Eintreffen der Beamten soll der Marokkaner gegen den Streifenwagen geschlagen haben. Er zeigte offenbar Anzeichen einer psychischen Krise, als die Polizisten ihn festnahmen.
Distanzierung von Ausschreitungen
Nach einer zunächst friedlichen Kundgebung kam es in Bologna am Montagabend zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei. Augenzeugenberichten zufolge warfen mehrere Teilnehmer Flaschen und Molotow-Cocktails auf die Polizei. 64 Polizisten sollen verletzt worden sein. Yossra Fakir distanzierte sich von den Ausschreitungen: „Wir als Familie distanzieren uns vollständig von den Ausschreitungen und den Unruhen. Wir sind absolut nicht einverstanden mit diesen Formen der Reaktion.“ „Bologna ist meine Stadt, es ist die Stadt, in der ich geboren und aufgewachsen bin, und sie so zu sehen, das Stadtzentrum misshandelt zu sehen, trifft uns tief“, sagte sie. Bologna verdiene so etwas nicht. „Wir akzeptieren nicht, dass die Erinnerung an meinen Onkel durch diese Ereignisse beschmutzt wird. Der Schmerz, den wir durchleben, ist enorm. Aber er kann und darf sich nicht in Gewalt verwandeln.“



