Gewalt an Berliner Schulen: Neue Studie soll Ausmaß aufdecken
Gewalt an Berliner Schulen: Studie soll Ausmaß aufdecken

Berlin führt als erstes Bundesland eine umfassende wissenschaftliche Untersuchung zu Gewalt, Mobbing, Bedrohungen und Diskriminierung an Schulen durch. Das „Berliner Konflikt- und Gewaltbarometer“ soll am Montag von Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) vorgestellt werden. Die Studie basiert auf umfangreichen Befragungen von Schülern und Lehrkräften und soll Aufschluss über das tatsächliche Ausmaß der Probleme geben.

Rütli-Schule als Symbol gescheiterter Bildungspolitik

Bereits vor fast zwei Jahrzehnten sorgte die Rütli-Schule in Neukölln bundesweit für Schlagzeilen. Im März 2006 schrieben frustrierte Lehrkräfte einen dramatischen Brandbrief an den Senat und berichteten von „totaler Ablehnung des Unterrichtsstoffes und menschenverachtendem Auftreten“. Sie wagten sich nur noch mit einem Handy in die Klassen, um im Notfall Hilfe rufen zu können. Die Schule, damals eine reine Hauptschule mit sehr hohem Migrantenanteil, wurde später mit benachbarten Schulen zum „Campus Rütli“ zusammengelegt. Mit neuen pädagogischen Konzepten und erheblichen finanziellen Mitteln gelang es, das Image zu verbessern – einige sprachen Jahre später von einem Vorzeigeprojekt.

Friedrich-Bergius-Schule: Brandbrief 2024

Im November 2024 fühlten sich viele an die Rütli-Schule erinnert, als das Kollegium der Friedrich-Bergius-Schule in Friedenau einen weiteren Hilferuf veröffentlichte. Die Lehrkräfte beklagten „massive Verhaltensauffälligkeiten und ungebührliches, asoziales Unterrichtsverhalten“ sowie eine „bedrohliche Gewaltbereitschaft und verbale Übergriffe“ vor allem männlicher Schüler. Die Schule müsse zunehmend die Polizei rufen, um eskalierende Situationen nach Schulschluss zu entschärfen. Besonders besorgniserregend: Die größte Angst vieler Schüler sei, beim Toilettenbesuch mit verbotenen Handys fotografiert oder gefilmt zu werden.

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Dem Brandbrief beigefügt war eine Tabelle mit alarmierenden Zahlen: In den ersten zwei Monaten nach den Sommerferien bis Anfang November häuften sich 489 unentschuldigte Fehltage. Zudem wurden 517 Schüler während des Unterrichts zu Sozialpädagogen geschickt. Die Lehrkräfte kritisierten die Schulpolitik scharf: Problematische Schüler könnten weder sitzenbleiben noch verwiesen werden, und in den 9. und 10. Klassen dürften keine Tadel oder Verweise auf dem Zeugnis vermerkt werden. Die Bildungsverwaltung sagte Unterstützung zu.

Fall eines schwulen Lehrers in Moabit

Im vergangenen Jahr sorgte der Fall von Oziel Inácio-Stech für Empörung. Der Pädagoge an der Carl-Bolle-Grundschule in Moabit berichtete, von Schülern aus muslimischen Familien wegen seiner Homosexualität beschimpft und gemobbt worden zu sein. Zudem kritisierte er Mobbing durch eine Kollegin, die sogar eine Anzeige gegen ihn erstattete. Schulleitung und Schulaufsicht hätten ihn nicht geschützt, obwohl er wiederholt um Hilfe gebeten habe. Er sprach von einem „kompletten Systemversagen“. Nach den Vorfällen litt er unter Panikattacken und wurde krankgeschrieben.

Bildungssenatorin Günther-Wünsch hatte den Fall zunächst als „komplexen Sachverhalt“ bezeichnet, bei dem es gegenseitige Mobbing- und Diskriminierungsvorwürfe gegeben habe. Erst Ende April 2025 entschuldigte sie sich bei Inácio-Stech – ausdrücklich auch dafür, dass schulintern gegen ihn ermittelt worden sei, selbst als die Staatsanwaltschaft keinen Anlass mehr dafür gesehen hatte.

Studie als Grundlage für Maßnahmen

Die neue Studie soll nun systematische Daten liefern, um gezielte Gegenmaßnahmen zu entwickeln. Die Ergebnisse werden mit Spannung erwartet, da Berlin seit Jahren mit solchen Vorfällen zu kämpfen hat. Die Bildungsverwaltung betont, dass das Konflikt- und Gewaltbarometer auf einer breiten Datengrundlage beruht und repräsentative Aussagen ermöglicht.

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