Finanzwissen als Schlüssel für den Berufsstart: Hessen intensiviert Crashkurse für Auszubildende
Viele junge Menschen stehen beim Eintritt ins Berufsleben vor finanziellen Herausforderungen, die oft unterschätzt werden. Themen wie Krankenkassen, Mietverträge oder Steuerklassen bereiten laut Studien erhebliche Schwierigkeiten, was zu kostspieligen Fehlern führen kann. Das hessische Finanzministerium hat daher die sogenannten Zukunftstage ins Leben gerufen, um praktisches Finanzwissen gezielt zu vermitteln.
Inflation und Alltagsfinanzen im Fokus der Workshops
Finanzminister Alexander Lorz (CDU) verdeutlichte in einem Workshop in Wiesbaden die Bedeutung der Inflation anhand eines einfachen Beispiels: Während eine Kugel Eis 1980 durchschnittlich nur 15 Cent kostete, ist sie heute oft zehnmal teurer. „Ein beeindruckendes Phänomen“, nennt Lorz dies und betont, wie stark solche Entwicklungen das Leben junger Menschen beeinflussen können. Hessen will das oft lückenhafte Finanzwissen seiner Jugend verbessern und plant, die Zahl der Zukunftstage nach einer Pilotphase im Jahr 2025 von vier auf landesweit 20 Veranstaltungen in diesem Jahr zu erhöhen.
Praktische Workshops mit Experten aus Versicherung und Immobilien
Die außerschulischen Workshops werden an verschiedenen Orten organisiert und involvieren Mitarbeiter des Finanzministeriums sowie Partner aus der Praxis, wie Versicherungs- und Immobilienexperten. Unterstützung erhalten die Veranstaltungen zudem von der Initiative für wirtschaftliche Jugendbildung und den Wirtschaftskammern. Beim ersten Zukunftstag dieses Jahres in der Wiesbadener Industrie- und Handelskammer (IHK) unter dem Motto „Dein Crashkurs fürs Leben“ durchliefen Auszubildende vier Stationen zu den Themen Finanzen, Steuern, Wohnen und Krankenversicherung.
Persönliche Erfahrungen und digitale Risiken
Madeleine Zweininger, angehende Industriekauffrau, gesteht, in der Schule nur einen Tag über Finanzthemen gesprochen zu haben. „Der Wiesbadener Zukunftstag ist daher voll cool und wichtig fürs Leben“, sagt sie. Salsabil Haddouch, Kauffrau für Büromanagement im dritten Lehrjahr, berichtet von Kollegen, die sich in der Ausbildung verschulden, weil sie etwa den Unterschied zwischen Kalt- und Warmmiete nicht kennen. Lorenzo Wienecke, Geschäftsführer der Initiative für wirtschaftliche Jugendbildung, erinnert an einen viralen Tweet einer Kölner Schülerin von 2015, die kritisierte, Gedichtsanalysen in vier Sprachen zu können, aber nichts über Steuern oder Miete zu wissen. Dies war für ihn der Auslöser, die Zukunftstage mitzugründen.
Jörg Brömer, Präsident der Wiesbadener IHK, warnt vor digitalen Risiken wie sogenannten Finfluencern auf Plattformen wie Instagram oder TikTok, die ein „passives Einkommen“ versprechen, oft jedoch primär selbst profitieren. Junge Menschen müssten für solche Gefahren sensibilisiert werden.
Schulische Initiativen und langfristige Perspektiven
Laut Kultusministerium wurde die ökonomische Bildung in hessischen Schulen ausgeweitet. Kultusminister Armin Schwarz (CDU) betont, dass Finanzbildung und Verbraucherschutz „keine Einzelaufgabe“ seien, sondern viele Fächer durchziehen, von Politik und Wirtschaft bis hin zu Deutsch und Mathematik. Das Schulgesetz verankert diese Themen als besondere Bildungs- und Erziehungsaufgaben. Gemeinsam mit dem Finanzministerium wurden zahlreiche werbefreie Angebote entwickelt, darunter:
- Schulische Workshops der Initiative für wirtschaftliche Jugendbildung.
- Eine Online-Handreichung für Lehrkräfte zur Finanz- und Verbraucherbildung in der Sekundarstufe I.
- Informationen zu Finanzen in der hessischen Berufswahl-App.
- Die Finanzbildungs-App „Seasn-App“ der Goethe-Universität Frankfurt, die nach einer Pilotphase landesweit bereitgestellt werden soll.
- Workshops für Schüler und Fortbildungen für Lehrer beim jährlichen Tag der Finanz- und Verbraucherbildung, organisiert von Bundesbank und Verbraucherzentrale.
Für 2026 plant das Kultusministerium eine verstärkte Einbindung der Eltern in Fragen der schulischen Finanz- und Verbraucherbildung.
Rentenwissen und Altersvorsorge im Blick
In seinem Workshop richtete Finanzminister Alexander Lorz den Blick auf die ferne Zukunft und fragte nach der Funktionsweise der Rente. Azubis erklärten das Umlageverfahren, bei dem Erwerbstätige Rentner finanzieren. Auf die Frage nach der Haltelinie im Rentensystem, die das Rentenniveau bis 2031 bei 48 Prozent des durchschnittlichen Netto-Arbeitseinkommens stabilisieren soll, wusste jedoch keiner der Anwesenden Bescheid. Lorz erläuterte diese Garantie und mahnte, dass allein die gesetzliche Rente „das Leben nicht so schön im Alter“ mache. Junge Leute sollten daher frühzeitig betriebliche und private Altersvorsorge in Betracht ziehen, um einen ordentlichen Kapitalstock aufzubauen.



