Zuckerberg vor Gericht: Machen Social-Media-Plattformen gezielt süchtig?
Zuckerberg vor Gericht: Machen Social Media süchtig?

Zuckerberg vor Gericht: Machen Social-Media-Plattformen gezielt süchtig?

Bunte Bilder, menschliche Reaktionen und schnelle Reize – Social Media übt einen immensen Einfluss auf das Gehirn aus. Die brisante Frage, ob diese Plattformen bewusst süchtig machen, wird aktuell vor einem US-Gericht verhandelt. Im Fokus stehen die Mechanismen hinter Instagram, Facebook und anderen Diensten sowie die potenziellen Folgen für Millionen von Kindern und Jugendlichen. Höchst brisant: Facebook-Gründer Mark Zuckerberg muss dazu in Los Angeles aussagen. Der Vorwurf lautet, dass seine Plattformen gezielt so programmiert sind, dass Nutzer endlos scrollen und in eine Abhängigkeit geraten. Geht es hier nur um clevere Technologie oder um ein System, das bewusst auf Sucht setzt? Top-Experten ordnen die wissenschaftlichen Erkenntnisse ein und zeigen auf, wo berechtigte Sorgen enden und Panikmache beginnt.

Belohnungssystem im Gehirn wird aktiviert

Auffällig ist vor allem die Kürze der Inhalte. Biologe Prof. Martin Korte, Professor für Neurobiologie an der Technischen Universität Braunschweig, erklärt: „Es ist sehr niederschwellig, ein kurzes Video anzufangen. Es fühlt sich harmlos an, nur ein kurzer Augenblick. Doch plötzlich sind 30 Minuten vergangen – und man hat unzählige Videos gesehen.“ Warum bleiben wir so hängen? Weil mit jedem neuen Video das Belohnungssystem im Gehirn aktiviert wird. „Doch der Vergleich mit einer Drogensucht passt nicht. Eher: Social Media ist neuronal wie ein Casino. Die Kinder sitzen vor dem Handy wie Spielsüchtige vor einem Spielautomaten. Der Spieler hofft aufs große Geld, der User auf das nächste tolle Video oder Like“, so der Experte.

Entscheidend bei der Social-Media-Sucht ist jedoch nicht nur die Belohnung selbst, sondern vor allem die Erwartung. Sie hält den Kreislauf in Gang. Korte vergleicht das mit einem Raucher, der nach dem Kneipenbesuch automatisch zur Zigarette greift. Der soziale Kontext wirkt als Auslöser. Beim Smartphone ist dieser Kontext jedoch permanent vorhanden. Das Gerät ist ständig griffbereit. Der Blick auf den Bildschirm ist verknüpft mit der Hoffnung, „über dieses Handy etwas Tolles zu erleben“. Besonders stark reagieren Menschen auf soziale Interaktionen, auf Beachtung und auf Vergleiche mit anderen – also auf Nachrichten, Kommentare und Likes.

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Kritische Stimmen und persönliche Erfahrungen

Miriam Wecke, psychologische Fachleitung bei Innocence in Danger e. V., äußert sich schärfer: „Die Architektur sozialer Netzwerke ist darauf ausgelegt, die Aufmerksamkeit von Nutzern bis in die Abhängigkeit zu binden. Vollkommen egal, ob dies nun Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen schadet. Zahlreiche Studien belegen den Zusammenhang zu süchtigem Nutzungsverhalten und mentalen Problemen, wie Depressionen oder Ängsten. Zu behaupten, die Nutzung sozialer Netzwerke mache nicht süchtig, verkennt somit die eigene Rolle bei der Erzeugung von Abhängigkeit und untergräbt jede ernsthafte Verantwortung für den Schutz von Nutzern.“

Realschülerin Magdalena aus Bayern, 13 Jahre alt und in der 7. Klasse, teilt ihre Erfahrungen: „Ich erlebe es schon, dass soziale Medien süchtig machen können, weil man immer das nächste Video sehen will. Aber man kann es auch in den Griff kriegen, indem man sich Handyzeit gibt. Oder wenn man Lust hat zu scrollen, sich eine andere Beschäftigung ohne Handy sucht. Eine andere Möglichkeit ist, dass wir in der Schule Medienkompetenz lernen. Ich mache das gemeinsam mit meinen Mitschülern mit DigitalSchoolStory.“

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Kinder vor der Pubertät besonders gefährdet

Viele Nutzer verbringen mehr Zeit am Handy, als sie ursprünglich vorhatten. Wichtige Aufgaben bleiben liegen, und das Verhalten kann sich negativ verändern. In der Medizin ist Sucht klar negativ belegt. Gesellschaftlich betont Korte den Handlungsbedarf bei jungen Kindern. Vor der Pubertät sollten sie vor intensiver Nutzung geschützt werden. In dieser Phase entwickeln sich Sprachzentren und die Fähigkeit, Gedanken und Gefühle anderer Menschen zu erkennen. Auch Dr. Michael Hubmann, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte e.V., warnt: „Außerdem zeigen Studien den Zusammenhang zwischen Kurzvideos und geringerer kognitiver Leistungsfähigkeit, insbesondere im Bereich Aufmerksamkeit bei Jugendlichen.“ Korte fügt hinzu, dass Studien eindeutig zeigen, dass diese Entwicklung eingeschränkt sein kann, wenn Kinder zu früh und zu viele Stunden am Tag mit Smartphones verbringen. Wer stattdessen viel Zeit mit anderen Menschen verbringt, erwirbt soziale Kompetenzen anders und umfassender.

Mehr als ein Viertel der Kinder und Jugendlichen nutzt soziale Medien in riskantem oder krankhaftem Ausmaß, wie neue Zahlen der DAK-Gesundheit zeigen. Als suchtkrank gelten 6,6 Prozent bei sozialen Medien und vier Prozent bei Videos – das betrifft rund 350.000 junge Menschen. Von einer krankhaften Nutzung spricht man, wenn Betroffene länger online sind als geplant, die Kontrolle verlieren und darunter Schule, Schlaf oder andere Lebensbereiche leiden. DAK-Chef Andreas Storm nannte die Entwicklung „alarmierend“. Er fordert: „Jetzt muss schnell gehandelt werden, um unsere Kinder zu schützen und zu stärken.“ Gerade Kindergarten- und Grundschulkinder bräuchten deshalb besonderen Schutz. Eltern sollten mit gutem Beispiel vorangehen: Keine Smartphones bei Mahlzeiten, kein Handy beim Einschlafen oder direkt nach dem Aufwachen. Das schafft klare Strukturen und eine Vorbildfunktion.