Führerschein-Reform: Fahrlehrer sehen rot und befürchten mehr Unfälle
Die Bundesregierung plant eine umfassende Reform der Führerscheinausbildung, um die Kosten für die Fahrerlaubnis der Klasse B zu senken. Derzeit liegen die Ausgaben im Schnitt bei etwa 3.400 Euro, was für viele junge Menschen eine erhebliche Hürde darstellt. Die Koalition in Berlin verspricht weniger Pflichtstunden, verstärktes digitales Lernen und effizientere Prüfungen, ohne dabei die Qualität der Ausbildung oder die Verkehrssicherheit zu beeinträchtigen.
Kritische Stimmen aus Mecklenburg-Vorpommern
Doch genau an diesen Versprechungen zweifeln erfahrene Praktiker. Erwin Lilya aus Schwerin, der seit 1978 Fahrschüler unterrichtet hat und heute im Ruhestand ist, äußert sich verärgert zu den geplanten Änderungen. „Ohne richtigen Unterricht geht das nicht“, betont der 75-Jährige. Er verweist auf die 14 Themenkomplexe mit knapp 100 Unterpunkten, die die Ausbildung umfassen, darunter Vorfahrt, Gefahrenlehre, Autobahn und Nachtfahrten. „Und all das sollen die Fahrschüler laut Politikern alleine lernen?“, fragt Lilya skeptisch.
Der ehemalige Fahrlehrer berichtet von Schülern, die Prüfungsfragen zwar auswendig lernen, aber grundlegende Verkehrsbegriffe wie Kreuzung oder Gabelung nicht erklären können. „Manche sind zehnmal zur Vorprüfung gekommen, bis sie es geschafft haben“, sagt er. Das Lernen per App allein hält er für einen Irrweg, da Themen wie Gefahrenabwehr seiner Meinung nach nicht digital vermittelt werden können.
Reduzierung der Sonderfahrten als besonderes Risiko
Besonders kritisch sieht Lilya die geplante drastische Reduzierung der verpflichtenden Sonderfahrten. Bislang sind zwölf solcher Fahrten vorgeschrieben, darunter Autobahn-, Überland- und Nachtfahrten. Künftig sollen es nur noch drei sein. „Eine Stunde Autobahn? Da lernt doch keiner, wie man sich im Verkehrsfluss einfädelt, überholt, Abstand hält und Schilder liest“, meint der Schweriner. Er betont, dass Erfahrungswerte im Umgang mit Stau, Wildwechsel oder plötzlich abbremsenden Lkw unverzichtbar seien. „Wenn man hier im Unterricht kürzt, gibt es mehr Unfälle“, warnt Lilya.
Fahrlehrerverband warnt vor den Plänen
Auch Christin Knochenhauer, Vorsitzende des Fahrlehrerverbandes Mecklenburg-Vorpommern aus Ueckermünde, widerspricht den Reformplänen deutlich. Sie betont, dass Überlandfahrten bei Nacht, hohe Geschwindigkeiten, Spurhalten und Autobahnfahrten nur mit ausreichender Praxis gelingen können. „All das gelingt nur mit Erfahrungswerten“, sagt sie.
Knochenhauer lehnt zudem die Abschaffung des Präsenzunterrichts ab. „Die Versprechung, alles billiger zu machen, ist das Eine, aber nicht, wie die Umsetzung erfolgen kann“, erklärt sie. Diskussionen über Gefahrensituationen und das Abwägen von Reaktionen seien ein wichtiger Erfahrungsaustausch in Unterrichtsgruppen, der digital nicht ersetzt werden könne.
Sie warnt davor, dass nicht jeder Fahrschüler über die Kompetenz verfüge, sich alles digital zu erarbeiten. Das Lernen am Handy berge zudem die Gefahr der Ablenkung. „Wir haben doch alle nichts davon, wenn die Teilnehmer alles auswendig lernen, aber in der Praxisstunde das Gelernte nicht anwenden können. Eben das kostet dann mehr Zeit und am Ende mehr Geld“, so Knochenhauer.
Gründe für die hohen Kosten
Während die Politik mit explodierenden Preisen in den Ausbildungsstellen argumentiert, verweisen die Fahrlehrer auf das sich stetig verteuernde Umfeld. Erwin Lilya betont, dass Fahrlehrer ihre Preise nicht bewusst hoch ansetzen. Spritpreise, Versicherungen, Werkstattkosten und die Anschaffung von Fahrschulfahrzeugen seien entscheidende Faktoren.
Christin Knochenhauer nennt konkrete Zahlen: „Kostete ein Mittelklasse-Fahrschulwagen vor 2020 noch rund 25.000 Euro, werden heute fast 50.000 Euro fällig“. Hinzu kommen Mieten für Schulungsräume, Personal, Krankenkassenbeiträge und Steuern. Je nach Anforderung müssten für jeden Fahrlehrer zwei Fahrzeuge – Schalter und Automatik – vorgehalten werden.
Führerschein als lebenslange Investition
Knochenhauer mahnt zu einer anderen Perspektive: „Der Erwerb einer Fahrerlaubnis ist für das gesamte Leben“. Rechne man 3.000 Euro auf 80 Jahre um, relativiere sich die Summe erheblich. Sie zieht einen Vergleich: „Vergleichen Sie das mit den Ausgaben für Musik-Apps oder Streamingdienste auf Lebenszeit“.
Fahrlehrerkollege Lilya ergänzt mit Nachdruck: „Man kann beim Fahren nicht sparen. Man muss die Stunden nehmen, wie der Fahrlehrer es vorgibt“. Beide sind sich einig, dass eine Modernisierung der Fahrschulausbildung durchaus möglich sei. Prüfungsfragen könnten überarbeitet und digitale Angebote ergänzt werden. Doch eine reine Verschlankung der Pflichtstunden gefährde aus ihrer Sicht die Verkehrssicherheit. „Die Politiker sollen sich mal mit Fahrlehrern unterhalten“, fordert Lilya abschließend.



