Sexualmediziner zum Ulmen-Fernandes-Fall: Hintergründe und Auswirkungen analysiert
Die Vorwürfe gegen Christian Ulmen haben die Öffentlichkeit tief erschüttert. Seine Ex-Frau Collien Fernandes wirft ihm mehrere Straftaten vor, wobei der Vorwurf des Identitätsmissbrauchs im Zentrum steht. Über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren soll Ulmen Fake-Profile im Namen von Fernandes erstellt haben, sich als sie ausgegeben und Männer kontaktiert haben. Dabei seien sexuelle Chats geführt und pornografisches Material verschickt worden, das angeblich sie zeigt. Der Nachrichtenaustausch mit einigen Männern, darunter gemeinsame Bekannte, soll über Monate hinweg stattgefunden haben.
Ulmens Anwälte weisen die Anschuldigungen bislang zurück. Allerdings berichtet der „Spiegel“, dass Ulmen in einer E-Mail an einen Strafverteidiger einen „höchstvertraulichen Sachverhalt“ geschildert habe. Darin habe er erklärt, er habe „leider einen sexuellen Fetisch“ entwickelt und wiederholt Fake-Profile im Namen seiner Frau angelegt.
Analyse eines Sexualmediziners: Drei mögliche Optionen
BILD sprach mit Dr. med. Jörg Signerski-Krieger, Chefarzt am Asklepios-Klinikum Göttingen/Tiefenbrunn und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie mit der Zusatzbezeichnung Sexualmedizin, über den Fall. Auf die Frage, was hinter einem solchen Verhalten stecken könnte, antwortete Dr. Signerski-Krieger: „Der gleiche Fetisch kann unterschiedliche Bedürfnisse bei Menschen erfüllen. Wir sprechen hier demnach rein spekulativ. Hier würde ich drei Optionen vermuten. Die Lust am Perspektivwechsel. Die Lust an der Vorstellung, sie durch diese Handlungen zu erniedrigen. Oder aber eine Kontrollebene. Die Person erlangt eine erhebliche Kontrolle über die Partnerperson – wenn auch ausschließlich im virtuellen Raum. Möglicherweise weist das darauf hin, dass in der realen Lebenswelt ein Gefühl von fehlender Kontrolle besteht, das auf diese Weise kompensiert wird.“
Laut Collien Fernandes hat Ulmen Erotikgeschichten an die Männer verschickt, in denen sie von 21 Männern vergewaltigt wird. Darin werde immer wieder beschrieben, wie sehr sie weine, dass sie Angst und Schmerzen habe und dass sie immer wieder sage, dass sie das nicht wolle. Recherchen des „Spiegels“ zufolge gingen solche Nachrichten auch an Männer, die sie beide persönlich kennen, darunter ihr Versicherungsmakler und befreundete Produzenten.
Von Fetisch zu psychischer Gewalt: Die Grenze ist überschritten
Dr. Signerski-Krieger betonte: „Ich finde, an dieser Stelle sollten wir aufhören, über nur einen sexuellen Fetisch zu sprechen. Stimmen die Anschuldigungen, fehlt der Konsens beim Ausleben. Damit fällt dieses Verhalten klar in den Bereich von psychischer Gewalt und psychischem Missbrauch. Vor allem wenn man das Ganze zudem im Kontext des Vorwurfes der körperlichen Gewalt betrachtet.“
Viele Menschen halten digitale sexuelle Gewalt für weniger schlimm als körperliche. Dr. Signerski-Krieger erklärte dazu: „Solche Handlungen, wie die hier vorgeworfenen, greifen tief in die Intimsphäre eines Menschen ein, in dessen innersten Bereich. Das kann wie eine Tat am Körper stark traumatisierend wirken. Betroffene erleben, dass ihre eigenen Grenzen und ihr Selbst keine Rolle mehr spielen – eine massive Grenzüberschreitung. Dabei ist es unerheblich, ob die Gewalt psychisch oder körperlich ist.“
Er fügte hinzu, dass Ulmen offenbar etwa 100 Männer kontaktiert habe, von denen rund 30 auf die Chats eingegangen seien. „Wenn man sich vorstellt, was das mit einer betroffenen Person macht, wird deutlich, wie gravierend die Folgen sein können: Das Vertrauen in das gesamte Umfeld kann dadurch erschüttert oder sogar zerstört werden. In solchen Fällen besteht auch die Gefahr, dass sich eine posttraumatische Belastungsstörung entwickelt. Ob das hier tatsächlich der Fall sein wird, wissen wir nicht. Das hängt stark von der seelischen Stabilität der Betroffenen ab und davon, wie unterstützend das Umfeld reagiert. Aber psychische Gewalt kann definitiv zu Traumata führen.“
Auswirkungen auf die Familie und das Internet als Ersatzbühne
Auch für die gemeinsame Tochter könnten solche Vorfälle schwerwiegende Folgen haben. Dr. Signerski-Krieger sagte: „Natürlich. Ich habe viele Erwachsene in der Traumatherapie behandelt, die als Kind Gewalt miterlebt haben. Sie müssen die Gewalt nicht am eigenen Leib erfahren haben, sie mitzuerleben reicht.“
Zur Frage, warum solche Handlungen ins Netz verlagert werden, erklärte der Experte: „Das Netz wird zu einer Art Ersatzbühne – einem Ort, an dem Fantasien und Wünsche leichter ausgeübt werden können als in der Realität. Ich erlebe das des Öfteren bei Patienten. Daran, einen Porno mit KI nach den eigenen Fantasien zu erstellen, ist an sich noch nichts Verwerfliches. Aber erstens sollte die Balance zwischen Leben in der digitalen und analogen Welt stimmen. Und zweitens und vor allem darf dabei niemand zu Schaden kommen. Das Achten von Grenzen anderer Menschen gilt auch im Netz, denn Deepfake-Pornos können echte Konsequenzen für diese haben.“



