Nächtlicher Straßenlärm könnte Cholesterinwerte beeinflussen
Wer nachts in lauten Straßen schläft, könnte dadurch ungünstigere Blutfettwerte entwickeln. Eine neue europäische Studie zeigt statistische Zusammenhänge zwischen nächtlichem Straßenlärm und erhöhten Cholesterinwerten. Besonders ab einem Schwellenwert von 50 Dezibel werden Veränderungen im Lipidprofil sichtbar.
Umfangreiche Studie mit 272.229 Erwachsenen
Ein internationales Forschungsteam im Rahmen des LongITools-Projekts analysierte Daten von 272.229 Erwachsenen aus Großbritannien, den Niederlanden und Finnland. Die Wissenschaftler schätzten die nächtliche Lärmbelastung an den Wohnadressen mithilfe nationaler Lärmkarten und untersuchten gleichzeitig 155 Stoffwechselmarker im Blut, darunter LDL- und IDL-Partikel sowie Gesamtcholesterin.
Die Ergebnisse sind deutlich: Ab etwa 50 Dezibel nächtlichen Straßenlärms zeigten sich messbare Veränderungen im Cholesterin- und Lipidprofil. Zwischen 45 und 50 Dezibel waren die Effekte kaum vorhanden, doch bei 55 Dezibel und mehr stiegen die Werte deutlich an. Personen in dieser lautesten Kategorie hatten im Vergleich zu Menschen, die weniger als 45 Dezibel ausgesetzt waren, durchschnittlich rund 0,41 Milligramm pro Deziliter höhere Gesamtcholesterinwerte.
Bescheidene Effekte mit potenziell großer Bedeutung
„Obwohl die beobachteten Effektschätzungen für die Lipidwerte bescheiden waren, sollte ihr potenzieller Einfluss auf die öffentliche Gesundheit nicht unterschätzt werden, da die Lärmbelastung durch den Straßenverkehr weitverbreitet ist“, ordneten die Forscher die Studienergebnisse ein.
Besonders betroffen waren LDL- und IDL-Partikel. LDL gilt als „schlechtes“ Cholesterin, weil es sich in Gefäßwänden ablagern und das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall erhöhen kann. Laut einem Bericht der Europäischen Umweltagentur aus dem Jahr 2020 sind über 15 Prozent der Stadtbewohner in Europa nachts 50 Dezibel oder mehr ausgesetzt.
Lärm, Stress und ihre Auswirkungen auf den Körper
Die Forscher rechneten Einflüsse wie Body-Mass-Index, Rauchen und Luftverschmutzung heraus – der statistische Zusammenhang blieb bestehen. Die Autoren sprechen von „robusten Assoziationen“, also einem statistischen Zusammenhang, aber keinem Beweis für Ursache und Wirkung.
Der Kardiologe Dr. med. Christopher Schneeweis erklärt dazu: „Lärm stellt sicher eine Belastung dar, die Frage ist nur, ob der Lärm selbst kausal ist, oder eher die dadurch ausgelösten Effekte. Man weiß, dass Bluthochdruck durch Lärmbelastung mitbedingt sein kann.“
Dr. Matthias Riedl, Arzt für Innere Medizin, ergänzt: „Lärm macht Stress, die Stresshormone erhöhen die Fettmobilisierung und die freien Fettsäuren.“ Diese physiologischen Reaktionen könnten erklären, wie Lärmbelastung indirekt die Cholesterinwerte beeinflusst.
Gesundheitliche Implikationen für Stadtbewohner
Die Studie zeigt, dass dauerhafter Lärm das Herz-Kreislauf-System stärker belasten kann, als viele denken. Obwohl es keinen direkten Beweis für Ursache und Wirkung gibt, warnen Mediziner vor den langfristigen Folgen chronischer Lärmbelastung.
Die Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung von Lärmschutzmaßnahmen in städtischen Gebieten und die Notwendigkeit weiterer Forschung zu den gesundheitlichen Auswirkungen von Umweltfaktoren. Für Millionen von Europäern, die regelmäßig nächtlichem Straßenlärm ausgesetzt sind, könnten diese Erkenntnisse wichtige Hinweise für ihre Gesundheitsvorsorge liefern.



