Pflegeversicherung in der Krise: Finanzlücke wächst trotz Milliardendarlehen
Die Finanzlage der Pflegeversicherung bleibt extrem angespannt. Nachdem sie im vergangenen Jahr knapp an einem Defizit vorbeigeschrammt ist, warnen Experten vor weiter steigenden Ausgaben und chronischen Finanzproblemen. „Bei der Pflegeversicherung brennt die Hütte“, erklärte Oliver Blatt, Chef des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenkassen, in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.
Milliardenspritze verhindert nur kurzfristig rote Zahlen
Im Jahr 2025 erreichte die Pflegeversicherung mit einem minimalen Plus von zehn Millionen Euro gerade noch eine schwarze Null – allerdings nur dank eines Bundesdarlehens über 500 Millionen Euro. Für das aktuelle Jahr prognostiziert der Verband, der auch die Pflegekassen vertritt, einen Überschuss von 400 Millionen Euro. Dieser Wert berücksichtigt jedoch bereits ein neues Darlehen des Bundes in Höhe von 3,2 Milliarden Euro. „Das ehrliche Ergebnis ist also ein erwartetes Minus von 2,8 Milliarden Euro“, präzisierte Blatt die tatsächliche Finanzsituation.
Die Ausgaben der Pflegeversicherung steigen kontinuierlich und erreichen in diesem Jahr voraussichtlich 79 Milliarden Euro – ein Anstieg um sieben Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dem stehen Beitragseinnahmen von nur 75,3 Milliarden Euro gegenüber, die lediglich um vier Prozent wachsen dürften. Um die entstehende Lücke zu schließen, hat die Bundesregierung bereits das erwähnte Darlehen von 3,2 Milliarden Euro beschlossen, wodurch die Pflegebeiträge zu Jahresbeginn stabil gehalten werden konnten.
Zeit läuft für strukturelle Reformen davon
Der Verbandschef warnte eindringlich vor weiter zunehmenden Finanzproblemen: „Sofern die Politik das Ruder nicht herumreißt, werden die Finanzprobleme im nächsten Jahr noch größer und nicht etwa kleiner.“ Bereits für 2027 rechnet der Verband mit einem Defizit der Pflegeversicherung von knapp fünf Milliarden Euro. „Uns läuft die Zeit weg“, mahnte Blatt mit Blick auf dringend notwendige strukturelle Reformen.
Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) strebt eine umfassende Finanzreform für die Pflege bis Jahresende an. In einer Arbeitsgruppe mit den Ländern wurden bereits Optionen für Maßnahmen bei Einnahmen und Ausgaben mit den jeweiligen Finanzfolgen erarbeitet. Kanzler Friedrich Merz (CDU) zeigte sich jedoch unzufrieden mit den bisherigen Ergebnissen und betonte die Notwendigkeit weitergehender Beratungen.
Chronische Finanznöte trotz Beitragserhöhungen
Die Finanzprobleme in der Pflegeversicherung haben sich trotz der jüngsten Beitragsanhebung um 0,2 Punkte Anfang 2025 zu einem chronischen Zustand entwickelt. Der Beitragssatz liegt nun bei 3,6 Prozent des Bruttolohns für Eltern und bei 4,2 Prozent für Kinderlose. Die Beitragseinnahmen stiegen im vergangenen Jahr zwar kräftig um elf Prozent auf 72,5 Milliarden Euro, konnten aber die um 8,2 Prozent gestiegenen Ausgaben von 73,8 Milliarden Euro nur mit Hilfe des Bundesdarlehens und weiterer Einnahmen decken.
Mehrere Faktoren treiben die Kosten in die Höhe:
- Die Zahl der Pflegebedürftigen ist auf 5,6 Millionen gestiegen und nimmt weiter zu
- Eine Reform von 2017 führte weiter gefasste Kriterien für Pflegebedürftigkeit ein
- Steigende Personalausgaben für dringend benötigte Pflegekräfte
- Seit 2022 dürfen Pflegekassen nur noch mit Heimen Verträge schließen, die nach Tarif zahlen
Eigenanteile für Pflegebedürftige erreichen neue Höchststände
Eine direkte Folge der Finanzprobleme sind stetig steigende Eigenbeteiligungen für Pflegebedürftige. In Pflegeheimen müssen Bewohner im ersten Jahr ihres Aufenthalts im bundesweiten Durchschnitt mittlerweile 3.245 Euro monatlich aus eigener Tasche bezahlen – das sind 261 Euro mehr als zu Beginn des vergangenen Jahres. Diese Summe enthält bereits den Eigenanteil für reine Pflege- und Betreuungsleistungen.
Im Gegensatz zur Krankenversicherung übernimmt die Pflegeversicherung nur einen Teil der Kosten. Zu den Eigenanteilen kommen für Heimbewohner zusätzliche Zahlungen für Unterkunft, Verpflegung, Investitionen in die Einrichtungen und Umlagen für Ausbildungskosten hinzu.
Reformvorschläge liegen auf dem Tisch
Oliver Blatt betonte die Dringlichkeit politischen Handelns: „Immer höhere Beiträge und weiter steigende Eigenanteile für die Pflegebedürftigen sind doch keine tragfähigen Optionen.“ Verschiedene Reformvorschläge werden bereits diskutiert:
- Erhöhte Steuerzuschüsse für die Pflegeversicherung
- Obergrenzen für die Eigenanteile von Pflegebedürftigen
- Umfassender Umbau zu einer Vollversicherung, die alle Pflegekosten trägt
- Verbesserte Vorsorgemaßnahmen zur Vermeidung oder Verzögerung von Pflegebedürftigkeit
Bundesgesundheitsministerin Warken hat einen kompletten Umbau zur Vollversicherung bereits abgelehnt, was bedeutet, dass Zuzahlungen vorerst bestehen bleiben. Das Ministerium kündigte an, einen abgestimmten Vorschlag zu Finanzierungsfragen vorzulegen, nachdem eine weitere Bund-Länder-Runde stattgefunden hat. Verbandschef Blatt betonte jedoch, dass dieser Schritt dringender denn je sei, da jede Strukturreform einen gesicherten Finanzierungsrahmen voraussetze.



